Schatten auf den Philharmonikern
Der späte Vormittag des ersten Tages im Jahr ist immer etwas Besonderes: Die Wiener Philharmoniker, nach Meinung vieler das beste Orchester der Welt, laden zum Neujahrskonzert. Mit dabei sind nicht nur die Auserwählten im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins, sondern auch viele Millionen Fernsehzuschauer. Darunter verlässlich auch ich. Diese zwei Stunden des Neujahrskonzertes tragen nicht unerheblich dazu bei, dass ich mich voller Stolz als Österreicher fühle, als Teil jenes Kulturstaats,
der alljährlich die Welt mit seiner musischen Tradition beeindruckt. Ein Österreich-Gefühl, für das während des Jahres nur sehr selten Gelegenheit ist.
Heuer aber wird das etwas getrübt sein. Denn die Wiener Philharmoniker stehen leider auch als Orchester auf der Bühne, das sich weigert, seine Vergangenheit offen aufzuarbeiten.
Und so werde ich, wenn ich vor dem Fernseher sitze, nicht nur von der wunderbaren Musik und dem beeindruckenden Dirigat von Franz Welser-Möst hingerissen sein, sondern immer wieder auch daran denken, was die Philharmoniker wohl während der Zeit des Dritten Reichs gemacht haben. Und auch daran, dass das erste Neujahrskonzert im unseligen Jahr 1939 gespielt wurde.
Der Vorarlberger Nationalratsabgeordnete Harald Walser hat die Philharmoniker – zielsicher aufs Neujahrskonzert ausgerichtet – an ihre nicht so erfreuliche Rolle während des Nationalsozialismus erinnert. Und er hat dafür prompt Schelte nicht nur von Philharmonikervorstand Clemens Hellsberg, sondern auch von den Freiheitlichen erhalten. Was ihn aber nicht davon abhält, weiterhin die Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels durch eine Historikerkommission zu verlangen. Was wiederum Hellsberg nicht will.
Walser ärgert sich, dass die Philharmoniker nicht einmal ihren eigenen, vorwiegend jüdischen Orchestermitgliedern, die von den Nazis umgebracht wurden, eine Erinnerung auf ihrer Website geben. Walser zählt sieben Philharmoniker auf, die Opfer des nationalsozialistischen Terrors wurden.
Wenn ich einen Wunsch äußern dürfte: Die Philharmoniker sollen ihre eigene Geschichte in die Hand nehmen und sich den Tatsachen stellen. Denn dann würde das Neujahrskonzert noch schöner klingen, dann wäre es ganz ohne falsche Töne, die natürlich nicht von den Instrumenten klingen, sondern nur durch die Haltung des Orchesters tönen.
walter.fink@vn.vol.at
Die Meinung des Gastkommentators muss nicht mit jener in der Redaktion übereinstimmen.
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