„Meinen 90. feiere ich auf Helgoland“

Stil, Disziplin, Lebenslust: Anna Ganthaler blickt auf ein außergewöhnliches Leben zurück.
DORNBIRN, AU Ein sonniger Donnerstagnachmittag. Anna Ganthaler ist – wie so oft donnerstags – von ihrem Wohnort Au nach Dornbirn gefahren. In der „Metropole“, wie sie die Stadt nennt, pflegt sie vor allem ihre Freundschaften. Heute trifft man sie im Café Steinhauser: elegant gekleidet, top gestylt, mit umwerfendem Lächeln. Wie immer.
Mode hat in Annas Leben einen hohen Stellenwert. Jeden Tag wählt sie ein anderes Outfit. Heute trägt sie ein rotes Hosen-Jacken-Ensemble mit schwarzem Schal und schwarzem Béret, dazu eine Handtasche im Vintage-Telefon-Design. Stolz zeigt sie ihre Tattoos: „Die with memories not dreams“, ist auf ihrer Haut zu lesen, ebenso „Your time is limited“ und „Nothing compares 2 u“.
Prägende Jahre
Diese Tattoos sind Wegweiser ihrer Lebensgeschichte, die am 14. Juni 1937 in Wolfurt begann. Als Jüngste von drei Schwestern erlebte sie Krieg und Nachkriegszeit als prägende Jahre. Während des Kriegs lebte sie mit ihren Schwestern eine Weile bei Verwandten in Hittisau-Bolgenach. Unvergessen ist für sie die Sprengung der Bolgenachbrücke im Mai 1945 durch französische Besatzungstruppen, die dadurch den Rückzug der Wehrmacht verhinderten. 1946 wurde Anna im Rahmen der Aktion „Schweizer Spende“ für ein halbes Jahr nach Rorschach geschickt: „Meine Gastfamilie hat mich richtig verwöhnt.“

Nach sieben Jahren Volksschule arbeitete Anna zunächst in Industriebetrieben, später als OP-Helferin im Krankenhaus Hohenems. Dann ließ sich zur diplomierten Krankenpflegerin ausbilden und wirkte als OP-Schwester im Unfallkrankenhaus Bregenz.
Im Operationssaal lernte Anna den sechs Jahre jüngeren Mediziner Franz Josef Ganthaler kennen und lieben. „Seine Eltern waren damit gar nicht einverstanden. Ich war zu alt und nicht standesgemäß“, erzählt sie. Die Beziehung wurde zunächst beendet, und Anna zog in die Schweiz, wo sie eine Stelle in einer Basler Klinik annahm.
Doch die Liebe setzte sich schließlich gegen den Widerstand der Eltern durch. Franz Josef folgte ihr nach Basel, wo die beiden kirchlich heirateten. Standesamtlich wurden sie später in Au getraut.

1969 kam Sohn Anton zur Welt, zwei Jahre später Tochter Angela, 1976 Sohn Michael. Nach Angelas Geburt zog die junge Familie nach Au ins Ärztehaus, und Franz Josef übernahm die Praxis seines Vaters. Anna arbeitete bei ihm als Krankenschwester.
Am 21. Juni 2019 starb Franz Josef an den Folgen einer Krebserkrankung. Ein schwerer Verlust für Anna, die bis zu seinem letzten Atemzug aufopfernd für ihn da war.
Ihre Trauer kompensierte die Witwe mit Reisen. Kasachstan, Kamtschatka, Indien, Tibet, Kap Hoorn zählten zu ihren Zielen. Heute reist Anna am liebsten nach Helgoland: „Dort möchte ich nächstes Jahr meinen 90. Geburtstag feiern.“
Hundert Prozent glücklich
Der Alltag der 89-Jährigen ist nach wie vor ausgefüllt. An den Wochentagen kocht sie mittags für ihre Familie und die Angestellten der Praxis, die inzwischen ihr ältester Sohn führt. „Außer donnerstags. Da habe ich frei“, sagt sie mit Nachdruck. Um acht Uhr steht sie auf: „Mein Tag beginnt mit einem Gebet. Ich bin praktizierende Katholikin.“ Danach geht es in die Küche: Für fünf bis acht Personen zu kochen, bedeutet einiges an Arbeit. Auch Haushalt und Garten bewältigt sie noch selbst. Darüber hinaus ist Anna kulturell sehr aktiv und besucht gerne Partys – auch mit jungen Menschen. Auf andere zugehen, zuhören und verstehen, ist ihre Natur.
Trotz altersbedingter Beschwerden fühlt sich Anna „hundertprozentig glücklich“. Sie hat nur einen Wunsch: „So zu bleiben, wie ich bin und noch möglichst lange zu leben.“
