Sehen ist mehr als Hören
In den letzten Tagen war immer wieder zu hören, dass es unwichtig sei, was derzeit im Vatikan geschehe. Die Papstwahl, meinten manche etwas aggressiv sagen zu müssen, gehe den Menschen in Wahrheit – man verzeihe den Ausdruck – am Arsch vorbei. Alle, die das meinen, hätte ich in der vergangenen Woche gerne in Rom, gerne im Vatikan auf dem Petersplatz gesehen. Ich hatte das Glück, dieser Tage in der Ewigen Stadt zu sein. Nicht das Konklave war es natürlich, das mich nach Rom geführt hat, vielmehr eine Familienfeier. Aber wenn man schon zu Zeiten einer Papstwahl in Rom ist, dann will man sich ein solches Ereignis nicht entgehen lassen.
Es sei nicht wichtig für die Welt, was hier geschieht – das bekam ich seit dem Rücktritt von Benedikt XVI. immer wieder zu hören, wer halte sich schon an das, was da vom Heiligen Stuhl an Weisheiten gepredigt werde. Das sei alles nur noch lächerlich und für die heutige Zeit nicht mehr tauglich. Folglich sei es auch völlig egal, wer nun auf dem Stuhl Petri lande. Viel hätte nicht gefehlt, und ich hätte solche Aussagen auch unkritisch übernommen. Als ich aber am vergangenen Dienstagabend am Petersplatz stand und auf das Ergebnis des ersten Wahlgangs wartete, da konnte ich das nicht mehr glauben. Vielmehr schien mir, ich sei ganz nahe an einem wichtigen, weltbewegenden Ereignis.
Noch nie bin ich unter so viel Tausenden von Menschen gestanden, die alle in gelassener Ruhe bei besonders schlechtem und fast kaltem Wetter auf den aufsteigendem Rauch gewartet haben. Der Petersplatz war nahezu voll, wie einst in Babylon konnte man „alle Sprachen der Welt“ hören, immer wieder natürlich Italienisch, aber sonst viele Sprachen, die ich nicht einmal annähernd zuordnen konnte. Besonders auffallend war, wie viele junge Menschen aller Hautfarben versammelt waren, auffallend war auch, dass nirgends Aggression zu spüren war, wie sie sich so oft in großen Ansammlungen findet. Dafür immer wieder Gesang und Fröhlichkeit in vielen Gruppen. Es war ein Friedensfest, das ich hier erlebte – und nicht einmal der schwarze Rauch, der nach zwei Stunden aufstieg, konnte die freudige Stimmung trüben. So war ich mir am Ende sicher: Es war kein unwichtiges Ereignis, dem ich hier beigewohnt hatte. Wie wichtig es war, hat der nächste Tag, an dem der argentinische Papst Franziskus I. gewählt war, bewiesen. Denn damit beginnt eine neue Epoche in der Kirche.
walter.fink@vn.vol.at
Die Meinung des Gastkommentators muss nicht mit jener in der Redaktion übereinstimmen.
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