Die große Woche in Griechenland
Ein Platz hoch über dem silbern glänzenden ägäischen Meer. Der Platz, ausgelegt mit blühendem Lavendel, darauf eine Tribüne mit zwei längeren und einer kurzen Seite, über und über mit Blumen bekränzt. Es ist der zentrale Platz auf der den Griechisch-Orthodoxen heiligen Insel Patmos. Johannes hat hier – um etwa 90 nach Christus, von den Römern verbannt – die Geheime Offenbarung, die Apokalypse, das letzte Buch der Bibel geschrieben.
Und auf dem höchsten Punkt der Insel thront das Johannes-Kloster. Durch die engen Gassen von dort herunter kommen betend und singend die Mönche, jeweils zwei, insgesamt zwölf, geführt von Novizen, auf den duftenden, von Blumen übersäten Platz, nehmen auf den beiden Seitenbänken Platz. Dann, hinter der großen, der heiligen Marienikone, wird der Abt herunter geführt. Er sitzt in der Mitte. Das ist immer am Gründonnerstag, war vor zwei Tagen wieder so. Denn die Griechen feiern an diesem Wochenende Ostern.
Das Datum berechnet sich wie im Katholischen, nämlich nach dem ersten Frühlingsvollmond. Allerdings nicht nach dem Gregorianischen, sondern noch nach dem Julianischen Kalender. Hier, auf Patmos, also war ich am „großen Donnerstag“, wie die Griechen den Gründonnerstag nennen. Und ich sah, wie sich der Abt vor den Mönchen zur biblischen Fußwaschung beugte. Dazu der besondere orthodoxe, der byzantinische Gesang und Gegengesang, der Abt in der Rolle des Jesus, die Mönche als Apostel. Eine fast barocke Szene vor dem Silberblau des Himmels und des Meeres, im unbeschreiblichen griechischen Licht.
Ostern ist das Großfest der Griechen, das Familienfest schlechthin. An diesem Tag kommen alle, die irgend können, nach Hause, vor allem die Insulaner. Und so findet man auch auf den Inseln die schönsten, die prächtigsten Osterzüge in der „großen Woche“, wie man hier die Karwoche nennt. Am „großen Freitag“ war es der Umzug um die Kirche, heute wird es die Auferstehungsmette in Lagoudi, einem kleinen Ort auf Kos, sein, die mich in den Bann dieses Festes zieht. „Christós anésti!“ wird Papás Kyriakos um Punkt Mitternacht rufen, „Christus ist auferstanden“. Die Menschen, auch die, die nicht glauben, werden sich um den Hals fallen und rufen: „Alithós anésti!“, „Er ist wahrhaft auferstanden!“. Ich werde somit heuer zwei Mal Ostern feiern – ein wunderbares Privileg.
walter.fink@vn.vol.at
Die Meinung des Gastkommentators muss nicht mit jener in der Redaktion übereinstimmen.
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