Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Die entsorgten Bücher des ORF

Kultur / 24.05.2013 • 19:06 Uhr

Hermann Hesse hat einmal geschrieben: „Warum soll man sich nicht mit Büchern unterhalten? Sie sind oft ebenso klug wie Menschen und oft ebenso spaßhaft, und sie drängen sich weniger auf.“ Dazu kommt, dass man aus Büchern lernen, dass man ihnen viele Dinge entnehmen kann. Das ist wichtig für Menschen, die ständig mit Informationen umgehen, also zum Beispiel für Journalisten. Nun ist ein Foto in Umlauf, das eine leere, große Bücherwand zeigt. Die Wand ist Teil der Bibliothek im ORF Funkhaus in Dornbirn, besser: sie war Teil der Bibliothek. Denn die Bücher sind allesamt verschwunden. Was zu erheblichen Aufregungen im Studio geführt hat.

In einem Schreiben des Betriebsrates vom 19. April an den Landesdirektor des Studios, Markus Klement, empört sich die Betriebsversammlung: „Die Versammlung war nahezu fassungslos über diese Vorgangsweise. Es gab weder eine Ankündigung noch die Möglichkeit, eventuell wichtige Werke zu retten. Was mit der Bücherabräumung und somit der Vernichtung der Hausbibliothek geschehen ist, wird im Haus als Skandal der Sonderklasse gewertet.“ Was den Betriebsrat empörte: Klement soll bei der Entsorgung der Bücher in einen Müllcontainer selbst Hand angelegt haben.

Nun hat die ganze Sache Kreise gezogen. Landesdirektor Klement wurde am 15. Mai vor den Stiftungsrat, das Aufsichtsgremium des ORF, zitiert. Auslöser dafür war Stiftungsrat Wilfried Embacher, ein profilierter Menschenrechtsanwalt. Klement habe sich dort gerechtfertigt, dass die Räumung der Bibliothek „im Einvernehmen mit der Belegschaft“ erfolgt sei, was vom Betriebsrat heftig bestritten wird. Eine Klärung wurde nicht erreicht, Klement allerdings auch wegen der sinkenden Hörerzahlen um vier Prozent im letzten Halbjahresvergleich – mehr als in den anderen Bundesländern – befragt. Auch hier, so Informationen aus dem Stiftungsrat, habe es keine schlüssige Antwort gegeben. Der Betriebsrat fordert von Klement in seinem Schreiben die „Wiederherstellung einer gleichwertigen Bibliothek“ – ein Ruf, der bisher ungehört verhallt ist. Vielleicht sollte man darauf achten, dass in einer möglichen Bibliothek auch Aphorismen von Georg Christoph Lichtenberg enthalten sind. Dort könnte man den Spruch finden: „Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?“

walter.fink@vn.vol.at
Die Meinung des Gastkommentators muss nicht mit jener in der Redaktion übereinstimmen.