Wir nur ziehen allem vorbei
Es ist der richtige Ort, wenn heute in der Propstei St. Gerold im Großen Walsertal die Glocken zum Requiem für Franz Bertel rufen. Das „kulturelle Herz des Oberlandes“ haben wir die Propstei vor Jahrzehnten genannt, und Franz Bertel war das kulturelle Herz dieses besonderen Platzes, an dem der hl. Gerold wirkte. Es ist ein gutes Zitat von Rainer Maria Rilke, das wir in der Todesanzeige und im Partezettel lesen konnten. Franz Bertel war ein großer Verehrer Rilkes, in seinen Gedichten hat er nicht nur das Leben, sondern oft auch sich selbst erkannt. „Siehe, die Bäume sind; / die Häuser, die wir bewohnen, / bestehn noch. / Wir nur ziehen allem vorbei / wie ein luftiger Austausch.“ (Rilke, Duineser Elegien, Zweite Elegie)
Viel kann einem einfallen, wenn man an Franz Bertel denkt. Einmal der besondere Lehrer, dem Wissen so viel und seine Schüler fast alles waren. Er war ein herausragender Pädagoge, so auffallend unter vielen, dass man fast auf ihn stoßen musste, wenn man von besonderen Aufgaben sprach. Beim Landesschulrat für Vorarlberg hat man das nicht so gesehen, zu unsicher war ihnen Franz Bertel als einer der ihren, zu klar war, dass ihm jegliche Packelei zuungunsten der Schüler und einer guten Pädagogik zuwider war. So blieb einem der fähigsten Lehrer des Landes ein Direktorium verwehrt – obwohl oft vorgeschlagen, Zeichen einer besonders unfähigen Schulpolitik in Vorarlberg in den vergangenen Siebzigern und Achtzigern. Aber immerhin fand Bertel ein adäquates Betätigungsfeld in der Pädagogischen Akademie.
Herausragend war auch sein Anteil an der kulturellen Szene des Landes. Er war mit dabei bei den Kulturproduzenten, war auch Ideengeber für die Bregenzer Randspiele ab 1972, er war ein für architektonische Entwicklungen besonders sensibler Mann, wohnte selbst in Bludenz in der Siedlung Halde von Hans Purin. Er war maßgeblich ins Programm der Propstei St. Gerold unter Pater Nathanael und der Galerie Seebacher in Nüziders eingebunden. Er war ein wichtiger Mann vor allem für den damals kargen Boden des Vorarlberger Oberlandes. Nicht zuletzt dank seiner Vorarbeit konnten sich dort kulturelle Initiativen zur zeitgenössischen Kunst entwickeln. Er war ein herausragender Mann für die Schule und die Kultur des ganzen Landes. Wir dürfen und wir sollten ihm dankbar sein.
walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Die Meinung des Gastkommentators muss nicht mit jener in der Redaktion übereinstimmen.
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