Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Vorarlberg ist nun Vorreiter

Kultur / 05.06.2015 • 20:57 Uhr

Wer hätte sich das noch vor Kurzem vorstellen können? Vorarlberg übernimmt in der Bildungspolitik eine Vorreiterrolle und will bis in spätestens zehn Jahren auf die Gesamtschule, also auf die gleiche Schule für alle von sechs bis 14 Jahren, umstellen. Lange ist es nicht her, da hätte man jeden gesteinigt, der so etwas gefordert hätte. Und nun hat eine vom Land selbst eingesetzte Kommission über zwei Jahre Untersuchungen angestellt und ist zum Ergebnis gekommen, dass die gemeinsame Schule die effizienteste Form ist.

Man könnte einwenden, dass es dazu keine so umfangreichen Studien benötigt hätte, dass es genügend Beispiele und auch Untersuchungen gibt, die solches bereits geklärt haben. Aber sei’s drum: In Vorarlberg ging ein Ruck durch die Bildungslandschaft.

Die zuständige Landesrätin Bernadette Mennel versuchte nicht, die Ergebnisse zu verwässern, sondern erklärte ohne langes Hin und Her, dass man der Studie folgen werde. Und plötzlich ist Vorarlberg ein Vorzeigeland in Sachen Bildungspolitik.

Angesichts der trotz allem in diesem Land vorhandenen konservativen Lehrerschaft konnte es nicht lange währen, bis sich heftiger Protest gegen diese Entwicklung regte. „Pro Gymnasium“ nennt sich die Initiative, die für ein weiterhin elitäres Bildungswesen kämpft. Natürlich sind das vor allem Gymnasiallehrer, die nun plötzlich ihre vermeintliche geistige Vorherrschaft im Lehrerstand schwinden sehen und deshalb heftig für die Beibehaltung der Langform des Gymnasiums eintreten. Dass es dabei jedes Jahr zu heftigen Problemen bei einem möglichen Schulwechsel von der Volksschule ins Gymnasium kommt (siehe heuer Dornbirn), scheint sie nicht weiter zu irritieren. Ebenso nicht, dass eine Vorentscheidung in der Schulwahl mit zehn Jahren ganz einfach zu früh ist, zu früh für Kinder, Eltern und Lehrer. Einmal ganz abgesehen von den sozialen Problemen, die eine Trennung in so zartem Alter mit sich bringt.

Man sollte sich, so denke ich, über die erstaunliche neue Entscheidungsstärke der Landesregierung in Sachen Bildung freuen, man sollte nicht jetzt versuchen, alles wieder zu zerreden und infrage zu stellen. Es gibt – ganz abgesehen von PISA – zu viele Belege, dass die gemeinsame Schule bis 14 das Richtige ist, als dass man sich nun in einen Bildungsstreit begeben sollte.

Lange ist es nicht her, da hätte man jeden gesteinigt, der so etwas gefordert hätte. 

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.