Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Dem Volk aufs Maul geschaut

Kultur / 02.10.2015 • 20:34 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Es war bereits im Jahre 1530, als der deutsche Reformator Martin Luther, der erstmals die gesamte Bibel ins Deutsche übersetzte, in seiner Schrift „Sendbrief vom Dolmetschen“ erklärte, dass er bei seiner Übersetzung versuche, dem „Volk aufs Maul zu schauen“. Gemeint war, er wollte die Bibel so übersetzen, dass sie von jedem verstanden wurde. Dass Luther damit zum großen Reformer nicht nur der Kirche, sondern auch der deutschen Sprache wurde, war damals noch nicht klar. Sicher aber ist, dass seit damals die Beobachtung der verschiedenen Sprachen, also der Mundarten, angesagt war. Trotzdem war die Mundart in der Sprachwissenschaft bis ins 20. Jahrhundert eher eine Randerscheinung (zumindest in Deutschland und Österreich, die Schweiz war schon damals ein Sonderfall), erst das Aufkommen der Mundartautoren setzte neue Maßstäbe. Schon bei den ersten Randspielen gastierten 1973 Mundartdichter aus verschiedenen Ländern in Bregenz, einige Jahre später traten die wichtigsten Vertreter der „Wiener Gruppe“, Friedrich Achleitner, H.C. Artmann und Gerhard Rühm, gemeinsam im Gössersaal auf. Solche Befassung ist in jüngerer Zeit etwas verloren gegangen.

Bis zum vergangenen Wochenende, da lud die Internationale Bodenseekonferenz zu einem Mundarttreffen. „Hermentsack“, „Gottfriedstutz“ und „Heiligs Blechle“ konnte man im Programm lesen, damit waren auch die beteiligten Regionen abgesteckt. In einem dichten, von der Kulturabteilung des Landes organisierten und von Martin Gruber trefflich gestalteten Programm in der Seifenfabrik in Hard und im Landesmuseum konnte man sich drei Tage lang in die verschiedenen Dialekte des Bodenseeraumes einlassen. Musik gab es ebenso wie Performance, Lesungen ebenso wie Vorträge. Es war schlichtweg großartig, ein Aufzeigen der Möglichkeiten der derzeitigen mundartlichen Literatur um den Bodensee.

Die Bodenseekonferenz war gut beraten mit dieser Veranstaltung. Denn allzu oft gingen bisher – auch gute – Veranstaltungen der Konferenz weitgehend unter, da sie kaum von einer größeren Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Vielleicht auch nicht konnten, da sie zu sehr im eigenen Bereich angesiedelt waren. So wie am Wochenende könnte, nein: sollte man öfter agieren. Veranstaltungen, die klar machen, dass dieser Raum um den See mehr miteinander zu tun haben könnte, als das gemeinhin den Anschein hat.

Denn allzu oft gingen bisher auch gute Veranstaltungen der Konferenz weitgehend unter.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.