Das große Herz ist wieder klein
Wie waren wir im vergangenen Herbst stolz auf Österreich, stolz darauf, dass wir Tausenden und Abertausenden, die durch unser Land zogen oder auch hier bleiben wollten, eine offene Tür boten. Wie waren wir stolz auf unsere Landsleute, die ebenso zu Tausenden und Abertausenden Hilfe leisteten. Die Bilder, wie die Menschen zum Südbahnhof kamen, um den Flüchtlingen Essen und Trinken, Kleider und Geld zu bringen, haben wir noch vor Augen. Wie waren wir, ausnahmsweise, stolz auf unsere Bundesregierung, die – auch gegen Widerstände aus dem Ausland und Inland – eine Politik des Willkommens demonstrierte, die den Hetzern der rechten Seite die Stirn bot und auf verbriefte Menschenrechte pochte. Plötzlich war es wieder ein schönes Gefühl, in diesem Staat zu wohnen, man war erinnert an große Zeiten der Menschlichkeit vor mehr als fünfzig Jahren, als die Menschen nach dem Ungarn-Aufstand zu Hunderttausenden in unser Land kamen und hier aufgenommen wurden. Noch gut kann ich mich erinnern, als in unserer Schule in Bregenz ungarische Flüchtlinge untergebracht wurden, Männer, Frauen und Kinder, gut auch daran, dass uns unsere Lehrer (zumindest ein Teil davon) auf das schwere Los dieser Menschen hinwiesen. Und nun kam Österreich wieder in die Rolle des großen Helfers, so wie vielen Österreicherinnen und Österreichern, die in der Zeit des Nationalsozialismus flüchten mussten, geholfen wurde.
Schön war dieses Bewusstsein eines Landes mit großem, menschlichem Herz. Seit Kurzem aber ist alles anders. Nun werden die Grenzen Österreichs geschlossen, nun werden Zäune gezogen und eine Obergrenze für Flüchtlinge eingeführt. Ende mit den großen humanitären Gesten, Ende mit den Worten aus Politikermund, die unser Herz berührten. Künftig werden Flüchtlinge abgewiesen, wenn „das Boot voll ist“. Unser Boot ist – so sagt uns heute die Politik – so voll, wie die Flüchtlingsboote im Mittelmeer, in dem die Menschen ertrinken, weil sie vor dem Krieg in der Heimat fliehen. Sie werden vor unseren Grenzen stehen, nicht hereingelassen werden, damit unser Wohlstand weiterhin gesichert bleibt.
Beruhigend ist nur: Diese „Obergrenze“ wird nicht halten, wir sind per Gesetz, wenn schon nicht mehr aus Menschlichkeit, gezwungen Kriegsflüchtlinge aufzunehmen. Sie werden also weiter kommen, ob es uns gefällt oder nicht. Auch wenn sie nicht mehr willkommen sind.
Wir sind per Gesetz, wenn schon nicht mehr aus Menschlichkeit, gezwungen, Kriegsflüchtlinge aufzunehmen.
walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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