Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Denkmal dem Buchhändler

Kultur / 26.02.2016 • 19:01 Uhr

Eine der schönsten Beschäftigungen ist der Besuch einer Buchhandlung. Ich meine nicht: hingehen, bestellen, wieder gehen, später abholen; ich meine auch nicht: hingehen, das gewünschte Buch aus dem Regal nehmen, zahlen, gehen; ich meine: hingehen, nichts Bestimmtes wollen, nichts Bestimmtes suchen, einfach nur schauen, einen Titel herausnehmen, den Klappentext lesen, den nächsten zur Hand nehmen, wieder lesen, vielleicht hineinblättern, wieder zurückstellen, beim nächsten dann stehen bleiben, verweilen, sich vertiefen, sich an bisher nicht bekanntem Autor und Titel erfreuen, das Buch erwerben, voller Spannung mitnehmen und sich zu Hause darauf stürzen. Sich einem Buch also hemmungslos nähern, sich hingeben, sich verlieben – das meine ich.

 

Das ist der Idealfall. Es gibt aber auch das Herumstehen in der Buchhandlung, das Nicht-genau-Wissen. Dann braucht man eine gute Buchhändlerin, einen guten Buchhändler. Einen, der genau weiß, was man will, wofür man sich interessiert. Einen, der überhaupt viel weiß. Auch einen, der bereit ist, sich Zeit zu nehmen, wenn es darum geht, einen seltenen Titel zu suchen. So wie mein Buchhändler, Gerold Kleiner, der nun mich und viele andere verlassen wird. Er geht nämlich in Pension.

Mir wird er fehlen. Er war einer, der viel wusste, auch, wie man etwas findet. Einmal war es ein kleines Büchlein, so klein, dass es kaum ein Büchlein, mir aber dennoch wichtig war, eines, das in keinem Katalog zu finden war, herausgegeben in deutscher Sprache von einem kleinen spanischen Verlag. Nirgends habe ich es gefunden. Gerold Kleiner hat es gefunden.

Und er hat es besorgt, obwohl der Preis von drei Euro fünfzig nicht für den Aufwand gestanden hat, den er betreiben musste. Für ihn und seine Buchhandlung war es zu viel Aufwand für zu wenig Geld, für mich aber ein großer Gewinn und ebensolche Freude.

 

Wenn eine Buchhändlerin, ein Buchhändler geht, dann ist das immer traurig. Man kann sich zwar immer noch treffen – aber eben nicht mehr in der Buchhandlung, nicht mehr auf vertrautem Boden, der auch etwas Verschwörerisches hat. Denn man teilt Geheimnisse mit dem Buchhändler, er weiß mehr von mir als die meisten Menschen. Denn er weiß, was ich lese. Jeder guten Buchhändlerin, jedem guten Buchhändler sollte man ein Denkmal setzen. Einen ersten Versuch habe ich für Gerold Kleiner unternommen.

Denn man teilt Geheimnisse mit dem Buchhändler, er weiß mehr von mir als die meisten Menschen. Denn er weiß, was ich lese.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.