Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Eine Lanze für Judas Ischariot

Kultur / 18.03.2016 • 19:37 Uhr

Fast alle haben wir es in unserer Kindheit gelernt: Judas ist der größte Verräter der Geschichte. Im Religionsunterricht (meiner liegt allerdings schon einige Jahrzehnte zurück) wurde uns gesagt: Von niemandem sei sicher, ob er in der Hölle brate – so dramatisch wurde uns das noch geschildert –, außer bei Judas, dem Apostel und Verräter Jesu, da sei alles klar. Und auch in Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“ schmort Judas Ischariot in der tiefsten Hölle, im neunten, untersten Kreis der Hölle, in der Erdmitte, also am weitesten entfernt vom Himmel, und wird dort immer und immer wieder von den riesenhaften drei Mäulern des Luzifer zermalmt – bis in alle Ewigkeit. So dramatisch sah man das noch Anfang des 14. Jahrhunderts. Die Vorstellungen von Himmel und Hölle haben sich geändert, die Ächtung des Judas nicht.

 

So ist es besonders interessant, dass das Vorarlberger Landestheater kurz vor dem Osterfest, an dem Judas Ischariot in den Kirchen wieder als Verräter gebrandmarkt wird, das Stück „Judas“ der niederländischen Autorin Lot Vekemans auf dem Spielplan hat (Aufführungen am Montag, 21., und Dienstag, 22. März). Symbol ist allein schon die Wahl des Spielortes: die Kirche St. Sebastian in Hard. Der Nachteil des Ortes ist allerdings die Akustik, die die Verständlichkeit manchmal gegen null gehen lässt. Es ist ein anderer Judas, der uns in seinem Monolog begegnet, ein Judas (blendend gegeben von Toomas Täht), der sich verteidigt, weil er vergeblich gehofft hatte, dass der Messias das Ende der verhassten Römerherrschaft bringen und die Juden in Freiheit führen werde.

 

Eine Position, die ähnlich auch der Theologe Wolfgang Treitler von der Universität Wien vertritt. Zudem, so Treitler, sei Judas zum „personifizierten Juden“ geworden, auf den letztlich auch der Judenhass, also der Antisemitismus, zurückgeführt werden könne. Anders sieht das bekanntlich Walter Jens in seinem Roman „Der Fall Judas“, in dem Judas nicht nur freigesprochen, sondern fast zum Gründer der Religion erhoben wird: „Ohne Judas kein Kreuz, ohne das Kreuz keine Erfüllung des Heilsplans. Keine Kirche ohne diesen Mann; keine Überlieferung ohne den Überlieferer.“ So unterschiedlich sieht man also heute die Person des Judas Ischariot, vom übelsten Verräter bis zum Heilsbringer. Die Osterzeit bietet eine schöne Möglichkeit, sich mit diesem Mann auseinanderzusetzen.

Die Osterzeit bietet eine schöne Möglichkeit, sich mit diesem Mann auseinanderzusetzen.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.