Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Goldene Stege im blauen See

Kultur / 01.07.2016 • 21:26 Uhr

Ich kann Ihnen, geschätzte Leserin, geschätzter Leser, natürlich nicht sagen, was Sie zu tun haben. Wenn ich es aber könnte, dann würde ich Sie bitten, sich schnell auf den Weg zum Iseosee zu machen. Denn an diesem kleinen, bisher etwas verträumten oberitalienischen See wird derzeit Kunstgeschichte geschrieben. Und wenn Sie davon noch etwas sehen wollen, dann haben Sie nur noch bis morgen Zeit. Dann werden die „Floating Piers“, die schwimmenden Stege des Installationskünstlers Christo, wieder abgebaut. Sagen Sie nicht, Sie hätten das schon im Fernsehen oder auf Fotos gesehen – das alles ersetzt nicht das Original. Und so schwöre ich Ihnen: Sie werden trotz aller Menschenmassen, die sie dort erwarten, hingerissen und letztlich dankbar dafür sein, dass Sie die Strapazen auf sich genommen haben.

 

Vor gut zehn Jahren, 2005, habe ich das erste Mal eine Arbeit von Christo und seiner Frau Jeanne-Claude gesehen. Ebenfalls nur für zwei Wochen waren damals die „Gates“, safrangelbe, leuchtende Tore, insgesamt 37 Kilometer über die Wege im Central Park in New York aufgestellt. Und diese Inszenierung veränderte den ganzen Park und die umliegende Skyline der Hochhäuser. Es war schlichtweg großartig, so außergewöhnlich, dass ich mir vorgenommen hatte, auch die nächste Arbeit von Christo anzusehen. Jetzt war es wieder so weit.

 

Seit zwei Wochen ist der mir ob seiner Ruhe und landschaftlichen Schönheit seit Langem liebe Lago d’Iseo Ziel für Hunderttausende Kunstreisende. Etwa eine halbe Million werden es bis morgen sein. Und dennoch: Auch wenn man sich inmitten von Massen bewegt, entwickelt sich keine Beklemmung. Die Menschen wandeln fröhlich über die breiten, im blauen Wasser safrangelb leuchtenden Stege, die aus 220.000 Schwimmwürfeln zusammengesetzt sind. Es ist tatsächlich so: Man „wandelt“ übers Wasser, man bekommt jede kleine Welle mit, jedes vorbeifahrende Boot bringt etwas Bewegung unter die Füße. Von Sulzano aus führt der goldene Steg auf die Insel Monte Isola und von dort auf die winzige Insel San Paolo, die gänzlich von in der Sonne glänzendem Gold umfasst ist. Es ist unglaublich schön – und es rechtfertigt jeden Aufwand. Vor allem, wenn man am Schluss noch die Kraft findet, etwas in die Höhe zu steigen und die „Floating Piers“ von oben zu sehen. Ein vollkommenes Bild, gefertigt aus Natur und Christos Kunst.

Man ,wandelt‘ übers Wasser, man bekommt jede kleine Welle mit, jedes vorbeifahrende Boot bringt etwas Bewegung unter die Füße.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.