Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Und wieder geht einer

29.07.2016 • 17:23 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die Sterne an meinem Firmament werden immer weniger. In regelmäßigen Abständen fällt einer, hinterlässt einen leuchtenden Schweif und verschwindet dann für immer im Dunkel. Diese Woche geschah das wieder – und heute wird Much Untertrifaller ins Grab gelegt.

Gut dreißig Jahre ist es her, dass wir erstmals gemeinsam auf Sizilien waren. Es war für mich eine der ersten Begegnungen mit dem Mittelmeer, ein Anblick, der mich – bis heute anhaltend – sofort süchtig gemacht hat. Vor allem die griechische Kultur auf Sizilien war es, der wir gefolgt sind: Das Tempeltal von Selinunte, das Theater und der besterhaltene Tempel von Segesta und das römische Theater von Taormina. Und immer wieder war es das brausende, das wilde oder auch das sanfte Meer, das uns in seinen Bann zog. Viel waren wir unterwegs, in Italien, in Griechenland und an anderen Orten um das große Meer.

Jetzt bin ich wieder am Mittelmeer. Und im Anblick dieses Meeres muss ich hören, dass Much dieses große Wasser, in dem sich der „himmelstrahlende Azur“ spiegelt (um mit Bert Brecht zu sprechen), nie mehr sehen wird.

 

Much Untertrifaller war ein spannender Mann, er war einer der wenigen, die sich auch öffentlich getrauten, ihre Meinung zu sagen. Er bezog Position. Erstmals Ende der Siebzigerjahre beim Bau des Festspielhauses, von dem er – wie manch andere auch – glaubte, dass es weder architektonisch noch funktionell den Vorgaben entspreche. Er musste sich damals viel Kritik anhören, auch persönlicher Natur, den Hinweis etwa, dass auch nicht alle von ihm geplanten Bauten architekturpreisverdächtig seien. Das wusste er selbst, es hinderte ihn aber nicht, weiter seine Ansicht öffentlich kundzutun. Das Festspielhaus wurde trotzdem gebaut. Der Erfolg aber kam Jahrzehnte später, als die Architektengemeinschaft seines Sohnes einen Wettbewerb zum Neubau gewann – und damit viele Preise.

Dann der Widerstand gegen das geplante Hotel und Casino am See. Die Stadt setzte eine Volksabstimmung mit falschen Voraussetzungen an, indem sie gleichzeitig über das Hallenbad abstimmen ließ. Das Ergebnis war unerwartet knapp – und so gründete Much Untertrifaller die „Bregenzer Liste“. Ein kleines Erdbeben in der Politik von Bregenz – und Much wurde Stadtrat. Mit Folgewirkung über viele Jahre.

 

Lange hat sich Much Untertrifaller schon aus der Politik zurückgezogen, in der Stadt blieb er trotzdem eine Größe. Für mich sowieso. Und nun sitze ich am Strand des Mittelmeeres und trauere um einen alten Freund. Ich denke mir, dass er, kurz bevor er ganz nach oben zieht, noch einen Kreis über „unser“ Meer schlingt. Also winke ich ihm. Ein letztes Mal. Mach’s gut, Much!

Much Untertrifaller war einer der wenigen, die sich auch öffentlich getrauten, ihre Meinung zu sagen.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.