Vielleicht ist es ein Zeichen
In Santa Maria degli Angeli, einem kleinen Ort unter dem bekannten Wallfahrtsort Assisi, steht eine der größten Kirchen der Christenheit. Die Basilika gleichen Namens ist ein Unikum: Sie wurde um die kleine Kapelle Portiunkula herum gebaut. Und diese Kapelle ist wieder eine Besonderheit: Sie war der Lieblingsort des Franz von Assisi, in ihr starb der Heilige am 3. Oktober 1226, also vor fast genau 790 Jahren. Franz von Assisi begründete in dieser Kapelle den Orden der Minderen Brüder der Franziskaner, einen Bettelorden, der noch zu seinen Lebzeiten große Verbreitung fand. Zu einem Generalkapitel des Ordens kamen 1221 mehr als 3000 Mitglieder nach Portiunkula, die Kapelle wurde zu einem der großen Wallfahrtsorte. So wurde im 16. Jahrhundert um die kleine Kapelle die riesige Kirche gebaut, die von Papst Pius X. 1909 zur Patriarchalbasilika erhoben wurde. Ihr Titel: „Haupt und Mutter aller Kirchen des ganzen Ordens der Minderbrüder.“
Franz von Assisi wollte in Portiunkula auch begraben sein. Das aber wurde ihm nach seinem Tod verwehrt. Franziskus wurde zwar nicht einmal zwei Jahre nach seinem Tod heiliggesprochen, aber seine Gebeine ruhen seit 1230 in einem Steinsarg in der Grabkammer der Unterkirche der Basilika San Francesco in Assisi. Auch bei der Heiligsprechung durch Papst Gregor IX. wurde der Lebensentwurf des Heiligen – die Armut – kaum erwähnt. So wurde dem Leben des Franz von Assisi nach seinem Tode durch die Kirche geradezu Hohn gesprochen, aber auch sein Orden, die Franziskaner, warfen die Armutsbekenntnisse ihres Gründers bald über Bord.
Bei uns wird Franz von Assisi oft als Tierliebhaber abgetan, der den Vögeln predigte. Gerne wird verschwiegen, dass sein zentrales Bekenntnis die Armut war. Kurz vor seinem Tod bekannte er, dass er „seiner Herrin und Gebieterin, der Dame seines Herzens – der geliebten Frau Armut – die Treue bis in den Tod gehalten hatte“, wie es in einer Biografie heißt. Das ist die zentrale Lehre des Franziskus in seiner Nachfolge von Jesus – und so erstaunt es doch, dass es fast acht Jahrhunderte gebraucht hat, bis sich ein Papst entschließen konnte, seinen Namen anzunehmen. Vielleicht ist das ein Zeichen, dass es doch möglich ist, in der Kirche der Reichen ein Umdenken zu beginnen. Papst Franziskus setzt dazu immer wieder Zeichen. Taten mögen überall folgen.
Franz von Assisi wird oft als Tierliebhaber abgetan. Gerne wird verschwiegen, dass sein zentrales Bekenntnis die Armut war.
walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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