Ein übles Jahr zu Ende geht
Das letzte Kalenderblatt ist abgerissen, das alte Jahr langsam am Verklingen. Der Klang aber ist nicht schön, vielmehr sind es Misstöne, die da ins Ohr dringen. Zu üble Dinge sind in diesem Jahr geschehen, zu viel an Hass, an Brutalität, an Morden, Gemeinheiten, an Kriegen und Terroranschlägen, an politischen Widrigkeiten, an Hunger und Diktatur auf der ganzen Welt, die zur größten Fluchtwelle der Weltgeschichte führten und führen. Staatspräsidenten und Regierungschefs legten sich mit Terroristen ins Bett oder sie gaben vor, gegen den Terrorismus zu kämpfen, doch ließen sie ihr Militär auf die eigene Bevölkerung schießen, andere entfernten und entfernen sich vom demokratischen Weg und gehen pfeilgrad in Richtung Diktatur, lassen politische Mitbewerber, Universitätslehrer, Richter und Journalisten einsperren und vor Gericht stellen. All das ist nicht geeignet, auch nur leise Hoffnungen für das kommende Jahr zu hegen, vielmehr müssen wir davon ausgehen, dass alles so weitergeht wie bisher – wenn es nicht noch schlimmer kommt. Ein Signal für die Zukunft war ja nicht der Weihnachtsfrieden, sondern ein Wahnsinniger, der mit einem Lastwagen in Berlin in einen Weihnachtsmarkt fuhr und die Menschen niedermachte.
In was für einer Welt leben wir denn eigentlich? Sind plötzlich überall Wahnsinnige unter uns? Und was können wir, was können die demokratischen Staaten tun, um dieser Irren in einzelnen Gruppen oder auch Nationen Herr zu werden? Was kann der Westen überhaupt noch tun, wenn im Zentrum seiner größten Macht ein Mann sitzt, der öffentlich Frauen verunglimpft, der rassistische Äußerungen von sich gibt und letztlich nicht einschätzbar ist? Was können wir tun, wenn in nahezu allen Staaten, von denen wir geglaubt haben, dass sie unser Wertesystem verteidigen, Rechtsradikale immer weiter im Vormarsch sind, nach höchsten Ämtern streben und sie vielleicht auch bald bekommen?
Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Und ich finde auch nirgends eine schlüssige Antwort. Nur das, was wir schon bisher gewusst haben: Wir müssen uns mit allen demokratischen Mitteln zur Wehr setzen, wir müssen allen Anfängen wehren, wir müssen mit geistiger Kraft über üblen Populismus obsiegen – sonst wird er über uns kommen. Wir müssen also stark sein, um unsere Werte und unsere Ordnung zu verteidigen. Stark als Menschen, stark als Nation. Also: Nehmen wir’s in die Hand – und: Prosit Neujahr!
In was für einer Welt leben wir denn eigentlich? Sind plötzlich überall Wahnsinnige unter uns?
walter.fink@vn.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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