Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Pralles Leben und große Kunst

Kultur / 24.02.2017 • 18:44 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Vor einiger Zeit waren wir zu Besuch bei Freunden in Andalusien und bewunderten dort die großartigen kulturellen und künstlerischen Leistungen aus der maurischen Zeit. Es war eine Hochblüte von Kunst und Wissenschaft, als die Araber die halbe iberische Halbinsel beherrschten. Dann kam 1492 die Machtübernahme der katholischen Könige, die die islamischen Herrscher aus Spanien vertrieben und mit ihnen auch gleich die Juden. Es war der Beginn eines kulturellen Niedergangs. Die Araber zogen sich nach Nordafrika zurück, vor allem in das heutige Marokko, das seine kulturelle und militärische Vormacht schon Hunderte Jahre vorher unter den Almohaden erreicht hatte. Wie ihre Vorgänger, die Almoraviden, sahen sie ihr kulturelles Vorbild im maurischen Spanien und so weisen die wichtigsten Bauwerke erstaunliche Parallelen zu Andalusien, nicht zuletzt zur Alhambra in Granada, auf.

Vor einigen Tagen hatten wir das Glück, mit Freunden eine Woche in Marrakesch zu verbringen. Es waren ganz unglaubliche, manchmal geradezu unrealistische Eindrücke, so sehr prallte eine andere, eine islamisch-archaische Welt auf uns ein. Die Medina, die von einer Mauer umringte Altstadt von Marrakesch, ist ein einziger großer Markt, auch wenn man sich nicht gerade in einem der vielen Souks befindet. Verkauft wird alles und überall, auch wenn der „Laden“ gerade einmal drei Quadratmeter hat. Die Dinge sind alle nahe, ob das die allgegenwärtigen Schneider oder Friseure sind, genauso aber auch die Metzger, die halbe Rinder oder Schafe aufhängen, sodass man sich in den engen Gassen fast daran stößt. Es ist ein faszinierendes Bild, dem wirklichen Leben vielleicht näher als unsere Art.

Neben diesem prallen Leben gibt es auch die großartige arabische Kunst, die so oft an Andalusien erinnert, etwa die Medersa aus dem 16. Jahrhundert, die alte Koranschule, oder Paläste von Herrschern oder hohen Beamten wie der Palais de la Bahia aus dem 19. Jahrhundert, ausgestattet mit den Zellij, den bunten Kachelmustern, feinsten Stuckarbeiten und unvergleichlichen Holzarbeiten an der Decke. Und dann die Gärten, die weiten, wunderbaren Gärten. Leider unerreichbar aber sind die Moscheen, vor allem die riesige Koutoubia mit ihrem beeindruckenden Minarett – sie sind „Ungläubigen“ nicht zugänglich. Wir haben also nicht alles gesehen – und trotzdem wird mir Marrakesch im Herzen bleiben.

Es ist ein faszinierendes Bild, dem wirklichen Leben vielleicht näher als unsere Art.

walter.fink@vn.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.