Mit Kultur Politik machen
Der Satz ist nicht neu, aber zu bestimmten Ereignissen, vor allem in Vorwahlzeiten, kommt er mir immer wieder in den Sinn. Gesagt hat ihn Theodor Heuss, der von 1949 bis 1959 der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland war. Er meinte: „Mit Politik kann man keine Kultur machen, aber vielleicht kann man mit Kultur Politik machen.“ Heuss hatte sich lange mit Politik auseinandergesetzt, war auch sechs Jahrzehnte einer der wichtigsten liberalen Politiker und Mitbegründer der FDP, hatte Politikwissenschaften studiert. Er wusste also, wovon er sprach. Diesen Eindruck, dass die Politiker wissen, wovon sie sprechen, hat man heute nicht immer, in Deutschland nicht, in Österreich eher noch weniger.
Aber die Deutschen haben immerhin einen Vorteil: Sie haben die Wahl bereits hinter sich. Wobei es auch da zu nicht erfreulichen Ergebnissen, auch zu Überraschungen kam. Dass nämlich die rechtsradikale AfD klar zur dritten Kraft wurde, deutlich vor den Grünen, deutlich vor der FDP, das war doch ein erheblicher Schock in Deutschland. Und dass die bayrische CSU gleich zehn Prozent auf die letzte Wahl verlor, das war für unsere konservativen Nachbarn auch eine ziemlich bittere Pille mit viel Nachgeschmack. Dass solchen Erdrutsch und ebenso die deutlichen Verluste von Angela Merkel auch die Meinungsforscher nicht vorausgesehen hatten, sollte bei uns jenen zu denken geben, die glauben, die Wahl sei schon gelaufen.
Im Moment soll es, wenn man Umfragen, auf die man sich allerdings nicht verlassen kann (siehe oben), glauben will, so viele Unentschlossene wie selten vor einer Wahl geben. Ich fürchte zudem, dass die vielen Fernsehdiskussionen, die uns die Politiker nahezu täglich ins Haus bringen, auch nicht wirklich erhellend sind. Jeder gegen jeden im ORF geht ja noch, aber dann noch etwa dreißig zusätzliche Debatten auf privaten Kanälen, das ist des Guten wohl zu viel. Vielleicht wäre es klüger, wenn sich die verschiedenen Sender zusammentun und zwei, drei große Diskussionen veranstalten würden. Das würde die Zuschauer weniger ermüden, würde vielleicht auch ihre Entscheidungsfindung erleichtern. Denn dann müssten sich ja auch die Politiker mehr auf die wenigen Auseinandersetzungen konzentrieren und ihre Argumente klarer darlegen. Man müsste ihnen auch mehr Zeit dazu geben. Man müsste ganz einfach, um mit Heuss zu sprechen, mit mehr Kultur Politik machen.
„Ich fürchte, dass die vielen Fernsehdiskussionen, die uns die Politiker nahezu täglich ins Haus bringen, auch nicht wirklich erhellend sind.“
Walter Fink
walter.fink@vn.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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