Kommt wieder mal ein Brief?
Nein, es geht hier nicht um die Post und ihre Zustellprobleme. Ich meine einen richtigen Brief, so einen, wie man ihn früher noch schrieb, einen handgeschriebenen Brief. Einen heimlichen an das geliebte Mädchen, einen ernsthaften an die Eltern, einen an die Kinder, an einen Freund, an die Tante. Briefe finden nicht mehr statt, heute werden E-Mails geschrieben, oder SMS-Nachrichten. Bei diesen Schreiben kommt es dann auch nicht mehr auf die Form, auch nicht mehr auf die Rechtschreibung, sondern nur noch auf die Geschwindigkeit an. So geht nicht nur der Brief, sondern auch die Handschrift verloren.
In Kürze könnte das auch ganz offiziell erfolgen. In Finnland, dem regelmäßigen PISA-Sieger, wurde die Schreibschrift schon abgeschafft, in der Schweiz, wo man diese Schrift Schnürlischrift nennt, und in manchen Bundesländern Deutschlands hat man das bereits getan oder ist auf dem Weg dazu. In Finnland lernen die Kinder fast ausschließlich auf der Tastatur, in Deutschland und der Schweiz soll es eine Grundschrift, eine nicht verbundene Art des Schreibens, die der Druckschrift ähnlich ist, geben.
Unter den Pädagogen und Wissenschaftlern ist ein heftiger Streit um die Richtigkeit dieser Maßnahme im Gange. Die einen meinen, dass damit eine uralte Kulturtechnik und eine sehr persönliche Form der Mitteilung aussterben wird, die anderen setzen auf den Computer, ohne den kommende Generationen noch weniger auskommen werden als wir.
Ich will kein Urteil abgeben, ich bin kein Pädagoge. Aber ich weiß, dass mir viel fehlen würde, wenn das Schreiben mit der Hand nicht mehr wäre. Ein handgeschriebener Brief ist – selbst bei fast unleserlicher Schrift – viel intensiver als ein Maschinenzettel. Denn allein am Schriftbild kann man oft erkennen, in welcher Befindlichkeit sich der Mensch befindet, der da geschrieben hat. Natürlich ist eine Schrift auch etwas sehr Persönliches, etwas, das es nur einmal auf der Welt gibt. An der Adresse erkenne ich schon, wer mir da geschrieben hat. Niemand schreibt so wie ich oder wie du, im Inhalt nicht und in der Form nicht. Die Schrift ist wie ein Fingerabdruck. Wann haben Sie den letzten Liebesbrief bekommen? Wollen Sie den per E-Mail bekommen? Nein, ich jedenfalls nicht. So will ich auch die Schreibschrift behalten und hoffe, dass sie meine Kindeskinder auch noch können. Und sei es, um jene Briefe zu lesen, die ich ihrer Großmutter geschrieben habe.
„Ich will kein Urteil abgeben, ich bin kein Pädagoge.“
Walter Fink
walter.fink@vn.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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