Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Gedenken und Bedenken

Kultur / 02.03.2018 • 19:12 Uhr

Wir haben heuer viel zu gedenken und auch zu bedenken. Wenn wir dem Zeitverlauf folgen, dann beginnt das 1918 mit dem Ende des Ersten Weltkriegs, das gleichzeitig auch das Ende der österreich-ungarischen Monarchie war. Ein seltenes Beispiel, wie ein riesiges Reich innert kürzester Zeit zu einem Kleinststaat wurde. Kein Wunder, dass viele, und zwar aus allen politischen Lagern, damals nicht an die Existenz dieses Österreich glauben konnten und meinten, dass dieses Land nur durch einen Zusammenschluss mit Deutschland überlebensfähig sei. Damals war das nicht wirklch verwunderlich, erstaunlich ist nur, dass manche, vor allem in den inzwischen auch politsch berüchtigt, aber auch salonfähig gewordenen Burschenschaften, noch heute das gemeinsame Deutschtum beschwören. Da haben wir mancher Dinge zu gedenken, aber auch manches zu bedenken.

In wenigen Tagen, am 13. März, gedenken wir des Einmarschs durch das nationalsozialistische Deutschland in Östereich 1938. Wenige Tage nach diesem tragischen Ereignis bekannte sich Östereich in einer Abstimmung zu fast 100 Prozent zum Deutschen Reich. Eine Abstimmung allerdings, die diesen Namen nicht verdient, wenngleich man aber doch festhalten muss, dass sicher ein Großteil der Bevölkerung für den Anschluss war. Die Begeisterung der Menschen für die neuen „Herren“ war groß. Nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil in Österreich zuvor im Ständestaat und in der Brügerkriegszeit chaotische, auch diktatorische Verhältnisse geherrscht hatten. Dass sich die Dinge in der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs noch viel schlimmer, brutaler, geradezu unvorstellbar entwickelten, das glaubte damals noch fast niemand. Wir haben also auch hier vieler Dinge zu gedenken und viele zu bedenken.

Aus den Trümmern des Kriegs und der Diktatur entstand 1945 unser Österreich. Der Staat, an den viele noch immer nicht glauben wollten, entwickelte sich großartig.

Wohlstand erreichte im Laufe der Jahre fast alle Gebiete des Landes und so konnten viele nicht verstehen, warum sich im Jahre 1968 die Studenten gegen die Obrigkeiten erhoben. Wobei in Östereich im Vergleich zum Sturm in Deutschland und Frankreich nur ein kleines Lüfterl wehte. Trotzdem: Wir sollten auch dieser Ereignisse gedenken und sie bedenken. Auch deshalb, weil wir uns wieder mehr ins Gedächtnis rufen sollten, dass wir das Volk sind, von dem laut Verfassung die Macht ausgeht. So sollten wir bisweilen auch handeln.

„Der Staat, an den viele noch immer nicht glauben wollten, entwickelte sich großartig.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.