Witze mit irrationalen Chauvinisten

Kultur / 08.03.2019 • 23:50 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
 „Der 27. Kanton“ mit „Die Verunsicherung“ von Thomas Arzt und „Lauter vernünftige Leute“ von Gerhard Meister wurden am Freitagabend im Bregenzer Kornmarkttheater uraufgeführt.  LT/Köhler

„Der 27. Kanton“ mit „Die Verunsicherung“ von Thomas Arzt und „Lauter vernünftige Leute“ von Gerhard Meister wurden am Freitagabend im Bregenzer Kornmarkttheater uraufgeführt. LT/Köhler

Das Theaterpublikum befasst sich nun mit der Tatsache, dass viele Vorarlberger Schweizer werden wollten.

Christa Dietrich

Bregenz Dramen, die auf konkreten Tatsachen basieren, können die Diskussion über einen Fall selbst, über dessen Verdrängung, über die Folgewirkung oder dessen Niederschlag in der Geschichtsschreibung auslösen. Die Volksabstimmung im Mai 1919, bei der über 80 Prozent der Teilnehmer für die Aufnahme von Verhandlungen über einen Anschluss Vorarlbergs an die Schweiz votierten, nahm Landestheater-Intendantin Stephanie Gräve, wie berichtet, zum Anlass, dem Schweizer Gerhard Meister (geb. 1967) und dem Österreicher Thomas Arzt (geb. 1983) einen Stückauftrag zu erteilen. Die Uraufführung von „Der 27. Kanton“, wie das aus den Teilen „Die Verunsicherung“ (von Arzt) und „Lauter vernünftige Leute“ (Meister) bestehende Drama betitelt ist, lieferte am Freitagabend nicht unbedingt ein befriedigendes Ergebnis hinsichtlich des oben angeführten Denkanstoßes. Man stellte sich inmitten des recht eifrig applaudierenden Publikums im immerhin sehr gut besetzten Bregenzer Theater am Kornmarkt mehr und mehr die Frage, ob die Bühne überhaupt ein Podium sein kann, um ein derartiges Thema zu erörtern.

Anschluss und Separation

Ungeachtet der Tatsache, dass nicht, wie es im Programmhefttext heißt, 80,7 Prozent der Vorarlberger für die Gespräche mit der Schweiz waren, sondern eine deutliche Mehrheit jener, die sich an der Abstimmung beteiligten, bietet der Vorfall die Möglichkeit, allerlei Anschluss- und Separationsabsichten von damals bis heute durchzuexerzieren. Die Geschichte liefert den Autoren einige Vorlagen. Obwohl beide verschiedene Zugänge suchen und finden, hat Meister wie Arzt der Auftrag motiviert, möglichst viele Themen in den Beiträgen zu verwursten. Das geht somit zu Lasten der trotz aller satirischen Einschübe notwendigen Differenzierung. (Beispielsweise was die damals und nicht erst 20 Jahre später längst aktiven Deutschnationalen betrifft.) Man lacht über die Witze mit den irrationalen Chauvinisten und Opportunisten, hat am Ende aber auch nicht mehr erfahren, als in jeder kurzen Zusammenfassung über Anschlussbestrebungen 1919 und 1938 steht und dürfte längst kapiert haben, dass Rassismus sowieso und vor allem das Erstarken eines Nationalismus im Europa der Gegenwart eine große Gefahr darstellen. Gut, die befreiende Wirkung des Lachens lässt sich als positiv anführen, sollte jemand Sympathien für Menschen hegen, die generell auf Vorteile aus sind, Fehler verdrängen und Mitgefühl nicht kennen. Regisseurin Patricia Benecke und Ausstatterin Carolin Mittler finden mit  einem Podium, das aus einem vergrößerten, auch als Bierglasregal und Fenster nutzbaren Radio und allerlei Auszügen besteht, sowie mit Singpassagen, Fähnchen und den Farben Rot und Weiß verbindende Elemente, auf den Punkt bzw. auf ein paar nachhaltige Punkte kommt der Abend nicht.

Arzt bringt mit von Max Frisch entlehnten Gestalten (beim bekannten Schweizer waren es gefährliche Brandstifter, hier sind es kaum definierte Landvermesser) ein wenig Verunsicherung in eine Gruppe von Menschen, die sich, inklusive einer Landesrätin, im Wirtshaus trifft. Weil es die praktischste Möglichkeit ist, für etwaige Hinweise auf die Vergangenheit eine verwirrte Person einzuführen, tut er auch dieses. Elke Maria Riedmann, bislang vor allem als Clownfrau bekannt, macht mit ihrer stoischen Art jedwede Agitation erträglich. Und von Rahel Jankowski, Bo-Phyllis Strube bis hin zu Luzian Hirzel, Felix Defèr und David Kopp stehen zumindest Schauspieler auf der Bühne, die mit kleinen Gesten, Präsenz oder rascher Wandlungsfähigkeit gelegentlich darüber hinwegsehen lassen, dass auch der zweite Teil des Stückes „Der 27. Kanton“ ziemlich klobig daherkommt. Ist es übrig? In diesem Fall bleibt die Frage einfach unbeantwortet.

Nächste Aufführung am 12. März im Bregenzer Kornmarkttheater. Termine bis 18. April; Gastspiel am 11. April im Reichshofsaal Lustenau: www.landestheater.org