Der Ethnologe Reinhard Johler spricht bei den Feldkircher Literaturtagen über den Begriff Heimat

10.05.2019 • 07:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Reinhard Johler: „Heimat hat im Lauf der letzten 200 Jahre unterschiedliche Bedeutungen gehabt.“ UNI TÜBINGEN

Bei den Feldkircher Literaturtagen wird von Reinhard Johler ein starkes Thema verhandelt.

Christa Dietrich

Feldkirch, Tübingen Der Vorarlberger Reinhard Johler ist stellvertretender Direktor des Ludwig-Uhland-Instituts für empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen. Er hat zahlreiche Beiträge zur Ethnologie und Kulturanthropologie publiziert und wurde mit dem Vorarlberger Wissenschaftspreis ausgezeichnet. Am Wochenende in er zu Gast in Vorarlberg. 

Das Thema der Feldkircher Literaturtage nennt sich in diesem Jahr „Heimat denken“. Wenn Sie als Ethnologe an Heimat denken, welche Aspekte sind es, die Ihnen zuallererst einfallen?

Wenn man in Feldkirch über Heimat redet, dann sollte man zuerst an den Vorarlberger Schriftsteller und Philosophen Jean Améry erinnern. Améry, dessen jüdische Familie aus Hohenems stammte, hat die bis heute gültige Frage „Wie viel Heimat braucht der Mensch?“ gestellt. Seine Antwort: „Es ist nicht gut, keine Heimat zu haben.“

Der Heimatbegriff steht immer noch im Verdacht, politisch im rechten Eck lokalisiert zu sein. Kann und soll man ihn daraus befreien?

Heimat ist ein recht alter Begriff und hat im Lauf der letzten 200 Jahre ganz unterschiedliche Bedeutungen gehabt. Er kann daher heutzutage ein-, und er kann ausgrenzend benutzt werden. Ich meine aber, dass Heimat offen verstanden werden sollte. Alles andere ist ein allzu offensichtlich zu Wahlzeiten geplantes politisches Geplänkel.

Manche Menschen behaupten, dass es so etwas wie Heimat nicht gibt bzw. dass sie eine Utopie sei. Was entgegnen Sie ihnen?

Eigentlich hat Heimat immer etwas Konkretes gemeint. Das eigene Grundstück etwa. Durch die Veränderungen des 19. Jahrhunderts ist diese Heimat aber zunehmend verloren gegangen. Stattdessen ist für viele Menschen Heimat zum Gefühl (Heimatliebe), wenn nicht sogar zur ersehnten Utopie (Sicherheit) geworden. Beides aber – der Verlust und die neue Liebe – machen die Stärke des Heimatbegriffs in der Gegenwart aus. 

Sie haben sich in Ihren Forschungen an der Universität Tübingen auch mit Migration und Flucht beschäftigt. Was bedeutet der Heimatbegriff in diesem Zusammenhang?

Heimat hat über die Jahrhunderte hinweg viel mit Migration zu tun. Erst wer wandert, muss sich überlegen, woher er kommt und wohin er will. Die Geschichte des Landes Vorarlberg zeugt davon in besonderer Weise: Menschen haben eine Heimat, aber noch viel mehr: Sie schaffen sich auch immer wieder eine neue Heimat. Das trifft natürlich auch auf Geflüchtete zu.

Sie leiten die Podiumsdiskussion im Rahmen der Feldkircher Literaturtage und haben als Thema dafür „Heimat-Haben“ gewählt. Welche Fragestellungen stehen im Zentrum?

In der Gesprächsrunde haben wir Autorinnen und Autoren, die wunderbare Bücher geschrieben haben. In diesen geht es primär um Mobilität und um kulturelle Vielfalt. Was das aber mit Heimat zu tun hat (oder auch nicht), möchte ich gerne diskutieren und dabei auch das Publikum zu Wort kommen lassen.

Sie diskutieren das Thema mit den Autoren Petra Piuk, Ijoma Mangold und Theodora Bauer, die die Heimat literarisch auf ganz unterschiedliche Art bearbeiten. Ist es die Aufgabe der Literatur, den in der Vergangenheit so negativ besetzten Begriff zu dekonstruieren und vielleicht wieder neu zusammenzusetzen?

Literaten haben – Stichwort: Heimatliteratur – wesentlich zu unserem heutigen Verständnis von Heimat beigetragen. Das geschah hin und wieder kitschig, aber auch sehr kritisch, man denke etwa an den Bregenzerwälder Schriftsteller Franz Michael Felder. Es ist daher nicht uninteressant, die Gegenwart der Literatur mit Blick auf die aktuelle Heimatkonjunktur zu befragen.

Der Vortrag und die Diskussion mit Reinhard Johler im Rahmen der Feldkircher Literaturtage finden am 11. Mai, ab 19.30 Uhr statt: www.saumarkt.at