Ein Requiem als Begegnung mit dem Besonderen

04.08.2019 • 18:35 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Dirigent Tetsuro Ban mit Orchestermitgliedern und den Solisten Jay Yang, Anna-Katharina Tonauer, Dmytro Popov und Peter Kellner. Lech Classic Festival/Flashaar
Dirigent Tetsuro Ban mit Orchestermitgliedern und den Solisten Jay Yang, Anna-Katharina Tonauer, Dmytro Popov und Peter Kellner. Lech Classic Festival/Flashaar

Mehr als ein vertretbares Experiment: „Messa da Requiem“ von Giuseppe Verdi am Arlberg.

lech Vier sehr gute Solisten, ein Chor, der besondere Herausforderungen nicht scheut und auch nicht zu scheuen braucht, und ein Dirigent, der nicht nur sein Orchester absolut im Griff hat, was an sich eine Selbstverständlichkeit ist, sondern sich auch der Akustik eines besonderen Raumes stellt, sie entsprechend berücksichtigt und nutzt: Am frühen Samstagabend in Lech waren diese Herausforderungen gegeben. Auch bei der achten Auflage des Lech Classic Festivals, dessen Protagonisten sich mit den Bedingungen vertraut machen konnten, mag allerdings die Aufführung der „Messa da Requiem“ von Giuseppe Verdi ein Risiko sein. Organisatorin Marlies Wagner konnte es aber eingehen und fand beim heftig applaudierenden Publikum in der vollbesetzten Neuen Kirche in Lech Bestätigung.

Mit Aufführungen mit einem mindestens drei Mal so großen Chor und einer laut Partitur wesentlich umfangreicheren Orchesterbesetzung im Ohr, fragte man sich, ob die Darbietung des 1874 uraufgeführten Werks mit lediglich zwei Dutzend Choristen und nur etwas mehr Musikern gutgehen kann. Kurz gesagt: Sie tat es.

Bearbeitungen für kleinere Besetzungen gibt es längst, für das Lecher Projekt vertrauten der Dirigent Tetsuro Ban und Mitorganisator Franz Wagner mit zusätzlichen Eingriffen auch auf ihr Wissen und ihren Instinkt. Ein „Experiment“ nannte man diesen Abend mit dem eigens zusammengestellten, von Johann Pichler geschulten Festivalchor und dem Festivalorchester selbstkritisch, der auf eine konzertante, gekürzte Version von Bellinis „Norma“ folgte. Warum auch nicht?, lautete der Kommentar, den das Publikum mit Ovationen unterstrich. Die Frage, wie opernhaft ein Requiem sein darf, in dem sich der große Opernkomponist Verdi bekanntlich mehrmals selbst zitiert, ist mittlerweile obsolet, und wie viel Gläubigkeit sich vermittelt, liegt letztlich am nicht eruierbaren Projektionsvermögen jedes einzelnen Hörers. Kompetenz und ein zum Ausdruck gebrachter gemeinsamer Gestaltungswille haben sich auf das Publikum übertragen, das durch die Arena-Situation im Raum, die Nähe zu den Ausführenden und die Positionierung der Bläser unmittelbar einbezogen wird. Die entsprechenden Farben waren durchaus erfahrbar, der versierte Chor ließ auch beim Pianissimo keine Wünsche offen, mehr Wucht und Effekte zu provozieren, hätte in dieser Besetzung nur gestört.

Bestens gefärbt

Freilich sind die Solisten bei einer solchen Konstellation akustisch besonders präsent. Der Südkoreanerin Jay Yang gelingt eine gute Steigerung des Sopranparts. Die Tiroler Mezzosopranistin Anna-Katharina Tonauer überzeugt mit leuchtend-warmem Timbre, Dmytro Popov, der Tenor aus der Urkaine, zeigt wunderbare Bereitschaft, sich auch als Kraftpaket den akustischen Anforderungen anzupassen, und Peter Kellner, aus der Slowakei stammend und inzwischen Ensemblemitglied der Oper Graz, begeistert und berührt mit bestens gefärbtem Bass.

Was anderswo als No-Go angesehen würde, ist in Lech willkommen: Das Publikum, das die Neue Kirche nach rund 90 Minuten in großer Konzentration einfach noch nicht verlassen will, bekommt ein wunderschön leise angestimmtes „Va, pensiero“ aus Verdis „Nabucco“ mit auf den Weg.

Im kommenden Jahr (3. bis 8. August) will man sich im Rahmen des Lech Classic Festivals ausschließlich Beethoven widmen. Eine konzertante Aufführung des „Fidelio“ ist dabei. VN-cd