Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Klimakatastrophe und Kunst

04.08.2019 • 06:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Nun ist die Klimakrise, die sich längst schon zur Katastrophe ausgeweitet hat, endgültig auch in der Kunst angekommen. Die Festspiele in Bregenz und Salzburg, bei denen Bundespräsident Alexander Van der Bellen in seinen Eröffnungsreden darauf Bezug genommen hat, zeigen das. Noch deutlicher wird es durch die Opernpremiere in Salzburg, wo Regisseur Peter Sellars zuerst bei der Eröffnung Klartext sprach und dann auch die frühe Mozart-Oper „Idomeneo“ zur Klima-Oper gewandelt hat. Er nimmt Bezug auf den Meeresgott Neptun, der Opfer verlangt: „Idomeneo ziert sich genauso wie wir heute. Aber Neptun lässt nicht mit sich reden, die Zahl der durch Hurrikans und andere Katastrophen verwüsteten Städte steigt von Jahr zu Jahr und wird weiter steigen.“ Und daran knüpft Sellars die Frage: „Wie viel an Gletschereis muss noch schmelzen, wie viel giftige Luft noch produziert werden und wie viele Tier- und Pflanzenarten müssen noch sterben, um zu erkennen, dass wir handeln müssen?“

„Auf Dauer aber könne das nicht gut gehen, denn die Dinge, die uns umgeben, würden sich irgendwann zur Wehr setzen.“

Es ist gut, dass sich jetzt auch die großen, die prominenten Festspielbühnen, deren Strahlkraft weit über die eigene Region hinausgeht, dieses Themas annehmen. Wobei man bemerken darf, dass es natürlich schon lange Künstler gibt, die auf das Problem hinweisen. Mir fällt dazu immer der deutsche Dichter Erhart Kästner ein, bei dem ich vor vielen Jahren das erste Mal einen solchen Hinweis gelesen habe. 1973 ist sein Buch „Aufstand der Dinge“ im Insel Verlag erschienen, ein Jahr später ist er mit siebzig Jahren gestorben. Kästner stellt in dem Buch eine interessante, damals durchaus prophetische Theorie auf: Der Mensch rechne sich die Erde aus, er spekuliere, wie viel er dem Planeten antun, wie sehr er ihn ausbeuten könne.

Auf Dauer aber könne das nicht gut gehen, denn die Dinge, die uns umgeben, würden sich irgendwann zur Wehr setzen, sie würden nicht mehr unseren vermeintlichen Gesetzen gehorchen. Es werde den „Aufstand der Dinge“ geben – und ich denke mir, dass wir schon lange mitten in diesem Aufstand sind, dass wir offenen Auges in die Apokalypse steuern. Vor bald einem halben Jahrhundert hat uns Erhart Kästner darauf aufmerksam gemacht. Aber sein Buch wurde kein Bestseller, es kursierte eher im kleinen Kreis. Viel mehr hätten es lesen, viel mehr hätten Kästner glauben sollen, damals, als ein Umdenken noch relativ einfach war. Jetzt wird es schwieriger, denn wir finden uns nicht mehr in der prophetischen Idee eines Dichters, sondern schon mitten im „Aufstand der Dinge“.

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.