Kunst trifft Spiritualität

VN / 27.03.2026 • 23:01 Uhr
Kunst trifft Spiritualität

Kunstprojekte am Liebfrauenberg verbinden Geschichte mit zeitgenössischen Positionen.

Rankweil Wer dieser Tage den Liebfrauenberg besucht, kann ein besonderes Schauspiel erleben. Rund um die Tag- und Nachtgleiche im März fällt für etwa eine Woche lang täglich gegen 17 Uhr ein Sonnenstrahl durch eine Öffnung in der fast sechs Meter dicken Außenwand der Landesgedächtniskapelle und trifft direkt auf den Schrein im Inneren. Für kurze Zeit erfüllt warmes Licht den sonst dunklen Raum. „Ein magischer Augenblick – der ganze Raum wird mit Sonnenlicht geflutet“, beschreibt Mesner Martin Salzmann das Schauspiel. Viele Menschen kommen, um dieses seltene Ereignis zu erleben. „Dennoch ist es ganz still in der Kapelle. Eine besondere Atmosphäre – und nur noch dieses Wochenende erlebbar, bevor das Lichtspiel erst Mitte September wiederkehrt.“

Rolle der Kirche

Über Jahrhunderte hinweg waren Kirchen wichtige Auftraggeber der Kunst. Sie gaben Gemälde, Musikstücke und Bauwerke in Auftrag, beschäftigten Künstler und ermöglichten damit viele Werke, die heute als bedeutende Kulturleistungen gelten. „Diese Tradition möchten wir mit der zeitgenössischen Kunst auch am Liebfrauenberg fortführen“, sagt Mesner Martin Salzmann.

Kunst trifft Spiritualität

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die 2011 neu gestaltete Landesgedächtniskapelle unter dem Hauptschiff der Basilika. Der Raum wurde gemeinsam mit dem Architekturbüro Cukrowicz-Nachbaur entwickelt und widmet sich dem Gedenken an alle Opfer von Krieg, Terror und Gewalt. Die bewusst reduzierte, dunkle Architektur erzeugt eine gespannte, beinahe bedrückende Atmosphäre – Erinnerungen an Folterkammern oder Gefängniszellen werden wach. „Ein Thema, das leider aktueller ist denn je“, sagt Mesner Martin Salzmann. Erinnerungsstücke, Bücher mit den Namen der in den Weltkriegen gefallenen Vorarlberger sowie künstlerische Elemente laden dazu ein, sich mit persönlichem und historischem Leid auseinanderzusetzen.

Kunst trifft Spiritualität

In den Boden integrierte der US-Künstler Matt Mullican goldfarbene Messingscheiben mit Sternbildern der nördlichen Erdkugel. Sie verweisen auf konkrete Tage des Leids – etwa Sterbetage von Soldaten in den Weltkriegen. Auch Klang spielt dabei eine Rolle: Alle zwei Sekunden fällt ein Wassertropfen von der Decke auf den Boden und erzeugt einen immer neuen Ton – ein leises, meditatives Symbol für Tränen, Erinnerung und die Zeit, die es braucht, um Verluste zu verarbeiten.

Fenster mit Symbolik

Kunst trifft Spiritualität

Zeitgenössische Kunst prägt auch den Kirchenraum selbst. Zum 30-jährigen Jubiläum der Erhebung zur Basilika erhielt die Liebfrauenkirche 2016 drei neue Kirchenfenster des Künstlers David Reed aus New York. Die Fenster erzählen eine symbolische Geschichte in Farben: von Stein zu Wasser, von Wasser zu Baum und schließlich über Feuer zur „Heimsuchung“. Grau-, Blau-, Grün- und Rottöne entwickeln sich wie eine visuelle Erzählung und greifen gleichzeitig Motive rund um den Liebfrauenberg auf. Je nach Tageszeit verändert das einfallende Licht die Wirkung der Fenster und taucht die Basilika in immer neue Farbstimmungen.

Kunst trifft Spiritualität

Eine weitere zeitgenössische Arbeit befindet sich in der kleinen St.-Michaels-Kirche unterhalb der Basilika. Dort schuf die norwegische Künstlerin A K Dolven 2017 die Klanginstallation „40 voices rankweil“. Vierzig Mädchen und Frauen aus dem Umfeld des Liebfrauenbergs sprachen dafür jeweils ein einziges Wort: „Ja“. Ausgelöst über ein Fußpedal erklingt ein 40-stimmiger Klangkörper, der unterschiedliche Lebensgeschichten hörbar macht. Der Stimmencluster durchzeigt das hallende Schiff der Kapelle mit der Geschwindigkeit eines Gedankens – darauf folgt Stille. Zeit zum Nachdenken.

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