Zeiten verschmelzen zu Geschöpfen

Kultur / 06.09.2019 • 19:43 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Zart wirken die Assemblagen und Collagen, die Künstlerin Susanne Wimmer in Schmetterlingskästen präsentiert.

Bettina Maier-Ortner

Dornbirn Sie hängen dort, zerbrechlich anmutend und anmutig nebeneinander in der Galerie C.art in Dornbirn. Um den Assemblagen „Luft zum Atmen zu geben“ und um den Betrachter dann doch noch in einer gewissen Distanz zum Objekt zu halten, hat die in Augsburg sesshafte Dornbirner Künstlerin Susanne Wimmer (47) ihre „Puppen“ in Schmetterlings- und Insektenkästen gesetzt, gestellt. Manche dieser Puppen hindert dieser historische Rahmen aus Holz, Metall und Glas regelrecht vorm Abheben und Absprung. Unweigerlich geht der Betrachter einen Schritt näher, verliert sich im Detail, in der Vielschichtigkeit der Objekte, wird an bekannte Stoffe erinnert, an Farbe und Struktur, an ein Fehlen und woanders Vorhandensein. Eine Art Spurensuche in der Dekonstruktion. „Aber das muss jeder selbst für sich entscheiden. Jeder soll in den Puppen sehen, was er will. Sie haben keinen Namen, keine Bezeichnung, keine Nummer.“

Wimmer ist bereits wieder im Schaffensprozess, wie sie im Gespräch erklärt, und dieser darf gerne produktiv sein, hat sie doch mit dem umfangreichen Nachlass eines Sammlers, noch so einige Schmetterlingskästen kreativ zu befüllen. Seit 1996 lebt sie in Augsburg als Modedesignerin ihres Labels Samobie, das sie zusammen mit Kollegin Gabriele Obermeier betreibt, sie arbeitet als Illustratorin und Künstlerin. „Durch die Arbeit an Karten bin ich nach einem Künstlerkurs wieder mehr zur Collage und dann zur Assemblage gekommen.“ Inspirieren lässt sie sich nicht nur von Vertretern – allen voran Hannah Höch (gestorben 1978), Kurt Schwitters (gestorben 1948), dem Franzosen Michel Nedjar, John Elsas (gestorben 1935) und dem US-Amerikaner Romare Bearden (gestorben 1988) – im Schaffensprozess  gerne „von Eindrücken auf der Straße, Spuren gelebten Lebens“. Meist arbeitet sie unter Zeitdruck. „Ich habe zunächst keine konkrete Vision. Gehe, bevor ich mich der eigentlichen Produktion der Puppen widme, einige Wochen mit der Idee schwanger, dann wachsen sie im Atelier.“

Geliebte Flohmärkte

An Papier für kreatives Schaffen kam Wimmer, seit sie denken kann, einfach heran, denn „mein Vater gründete den Vorarlberger Lesezirkel und ich werde den Geruch der Zeitschriftenberge nie vergessen.“ Das Ausgangsmaterial für ihre Arbeiten findet sie auch auf ihren geliebten Flohmärkten, wo sie Schätze wie „eine Truhe voll alter Mode-Zeitschriften“ aus dem Midcentury mit nach Hause nimmt. Beschriebene „Papiere mit Stockflecken, Textilien, meist aus Baumwolle und mit Struktur oder Quasten“. Wimmer verarbeitet alte Knöpfe und Buchdeckel – Letztere waren oft Bühne ihrer Papier-Collagen, die nicht glattgebügelt, sondern mit „abstehenden Flügeln oder Wellen“ fast dreidimensional daherkamen. „Ich liebe es, es berührt mich und ich finde es spannend, dass diese Fundstücke aus einer anderen Zeit kommen, eine Geschichte haben und zu mir sprechen und nun in den alten Kästen ein neues Leben erhalten“, verrät sie. Aus einer ersten Zerstörung heraus, der thematischen Anhäufung der Einzelteile, fügt sie in ihrem Atelier die Materialien zu immer neuen Kombinationen, Proportionen und Kompositionen zusammen. Es wird auch wieder entfernt und weggerissen. Mittels Nähmaschine, „mit der ich wild über den Stoff gehe“, Schere und Kleber, Nadel, Faden und Pinsel fügt sie die Teile zu weich gefütterten, verzerrten Formen und Gestalten zusammen. Dabei entstehen ihre Puppen, die an skurrile Models der Modewelt gemahnen, die irritieren oder amüsieren. Wesen in fremder Vertrautheit.

Im Schaffensprozess versinkt die Künstlerin regelrecht im Material. Ist alles gediehen, hängen die Puppen an zerbrechliche Insekten erinnernd in Reih und Glied. Privat/Frank, VN/Maier-Ortner
Im Schaffensprozess versinkt die Künstlerin regelrecht im Material. Ist alles gediehen, hängen die Puppen an zerbrechliche Insekten erinnernd in Reih und Glied. Privat/Frank, VN/Maier-Ortner

Zur Person

Susanne Wimmer

ist Modegrafikerin und befasst sich als Künstlerin mit Collagen und Assemblagen.

Geboren 2. August 1972 in Dornbirn

Laufbahn Textilschule Dornbirn, Modegrafik-Studium an der Deutschen Meisterschule für Mode in München

Familie in Beziehung lebend

Ausstellungen Ars Dilettanti, Augsburg; Orangerie, Augsburg; Sieben Schwaben, Augsburg; Collage Decollage, Feldkirch; Petits fours, Augsburg; Metamorphose, Eichstätt; C.art, Dornbirn

Detaillreich: Die Künstlerin Susanne Wimmer zeigt „collage und assemblage“ in der Galerie C.art noch bis 5. Oktober