Neue Ausstellung in Vaduz führt direkt in den Himmel

Kultur / 09.11.2019 • 13:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Auch die Macht des Eros manifestiert sich, etwa in Rudolf Bellings nahezu abstrakter Bronze „Erotik“ von 1920.

Die Hilti Art Foundation in Vaduz zeigt 33 Kunstwerke zu Mensch, Umgebung und Natur.

Vaduz „Epidermis – Conditio humana – Kosmos“ ist nach der Eröffnung des ans Kunstmuseum Liechtenstein angeschlossenen Ausstellungsgebäudes in Vaduz bereits die fünfte Ausstellung der Hilti Art Foundation. Der Parcours führt in 33 Werken und drei Kapiteln, analog zur vertikalen Raumabfolge, direkt in den Himmel, von der Haut über die Bedingungen menschlichen Daseins bis hin zu den Deutungen von natürlichen und abstrakten Ordnungen.

Uwe Wieczorek, Kurator der Hilti Art Foundation, hat die Ausstellung in bewährter Manier mit viel Gespür für dialogische Situationen und fundierter Kenntnis der Sammlung zusammengestellt. Die „Fremdwörter“ im Titel haben und erfüllen einen ganz bestimmten Zweck. Sie sind nicht nur die Grundlage unserer Sprache, sondern lassen im ungenau Definierten auch Raum für das Spekulative und einen damit ungleich größeren Assoziationsradius. Der Einstieg erfolgt mit dem, was uns am nächsten ist und als feine Membran die Grenze zwischen Innen- und Außenwelt markiert: die Haut. Epidermis meint im Ausstellungskontext auch die Oberfläche von Kunstwerken bis hin zur reinen Stofflichkeit und zur Vielfalt des Materials, mit der Künstler nach 1945 experimentiert haben. So steht der sensibel in Wachs geformte Kinderkopf von Medardo Rosso vom Ende des 19. Jahrhunderts in krassem Kontrast zu den physischen Attacken auf die verletzlichen Überzüge, wie Günther Ueckers Einschlagen von Nägeln, das Aufschlitzen der Leinwand bei Lucio Fontana oder das „Beschießen“ von Fotopapier mittels Laserstrahl.

Das zweite Thema, „Conditio humana“ als Daseinsbedingung des Menschen, wird explizit in den Gemälden und Plastiken der klassischen Moderne abgehandelt: Vor dem Hintergrund von Krieg und Gewalt zutiefst existenziell bei Max Beckmann, mit großer Kelle und starker Pranke vom jungen Picasso oder beobachtend-zögerlich von Alberto Giacometti. Auch die Macht des Eros manifestiert sich, etwa in Rudolf Bellings nahezu abstrakter Bronze „Erotik“ von 1920. Der über die „Himmelsleiter“ erklommene dritte Raum widmet sich dem Kosmos. Verstanden im ursprünglichen, griechischen Wortsinn als Ordnung und als Gegenteil von Chaos, offenbaren sich in den gezeigten Werken natürliche und künstliche Ordnungssysteme. So gesellt sich zu einer 1915 nach der Natur gemalten Berglandschaft des Schweizers Ferdinand Hodler die fast genau 100 Jahre später, 2012, aus einem völlig anderen Ansatz heraus entstandene Arbeit eines weiteren Eidgenossen, Stéphane Kropf, für die ebenfalls ein Bergmotiv Pate gestanden ist. Kropf entwirft sein Sujet, basierend auf dem Fahrkartenmotiv der SBB/CFF, am Computer, überträgt es in die Malerei und überführt das ursprünglich grafische Motiv wieder in den Kunstkontext. Mit einer Landschaft aus Schiffscontainern in einem südkoreanischen Hafen von Thomas Struth und einem Gletscherporträt von Frank Thiel tauchen erstmals Fotografien in der Ausstellung auf.

Sammlungskatalog

Tiefere Einblicke in einen Teil der gezeigten Arbeiten liefert der soeben erschienen erste Teil des auf zwei Bände angelegten Sammlungskatalogs. Das hochwertig aufgemachte Bilder- und Textbuch umfasst 80 Werke der Jahre 1880 bis 1950. Zeitlich daran anknüpfend erscheint Band zwei im Frühjahr 2020 zum fünfjährigen Jubiläum der Hilti Art Foundation im Kunstmuseum Liechtenstein. Ariane Grabher

Die Ausstellung ist in der Hilti Art Foundation, Städtle 32, Vaduz, bis 11. Oktober 2020 geöffnet, Di bis So 10 bis 17, Do 10 bis 20 Uhr.