Ein Thriller in Topbesetzung mit Kirill Petrenko

Kultur / 19.11.2019 • 22:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Für die stimmliche und schauspielerische Leistung gefeiert: Marlis Petersen als Marietta und Jonas Kaufmann als Paul in „Die tote Stadt“ von Korngold. STAATSOPER/HÖSL

Ein Dirigent, Sänger, ein Regieteam und ein Komponist bringen ein Haus in den Ausnahmezustand.

Christa Dietrich

München, Bregenz So schnell erhebt sich das Premierenpublikum an der Bayerischen Staatsoper sonst nicht aus den Sitzen, aber bei der jüngsten Neuproduktion, die an sich nicht als Neuinszenierung durchgeht, war es nicht mehr zu halten. Gut, die Besetzung mit Marlis Petersen und Jonas Kaufmann sowie Kirill Petrenko ist an Starglanz kaum noch zu toppen, da fiel es nicht ins Gewicht, dass die Inszenierung von Simon Stone vor Jahren bereits am Theater Basel gefeiert wurde. Dort zeigte sich bereits ein schöner, kleiner Vorarlberg-Aspekt. Mit Laura Berman hatte die einstige Leiterin der „Kunst aus der Zeit“-Reihe der Bregenzer Festspiele das Engagement des australisch-schweizerischen Regisseurs zu verantworten, der mittlerweile vom Wiener Burgtheater bis zum Berliner Ensemble und den Salzburger Festspielen durchgereicht wird. Er sah auch keine Veranlassung, sein Konzept für das 1920 uraufgeführte Werk mit dem Text von Paul Schott bzw. Julius Korngold nach dem Roman „Bruges-la-Morte“ von George Rodenbach zu verändern. Paul, der den Tod der Ehefrau betrauert, gerät bei der Begegnung mit Marietta, die der Verstorbenen ähnelt, in einen Strudel aus Obsessionen, Eifersucht, Trauer und Wahn, der, sofern ein weiter Teil der Handlung nicht ein Traum gewesen wäre, in einer Katastrophe mündete.

In den Zimmern eines modernen Wohnhauses mit entlarvenden Filmplakaten von Ausstatter Ralph Myers entwickelt sich Stones Erzählweise immer mehr zum Thriller bzw. zu den zerstörerischen Szenen einer Beziehung, die zu einem Mord geführt haben könnten. Ohne symbolistische Stilmittel, mit einem gemäßigten Hyperrealismus ungemeine Spannung zu erzeugen, macht Stones zu Recht gefeierte Handschrift aus. Dazu kommt, dass Marlis Petersen trotz anspruchsvoller Gesangspartie zu einem vielschichtigen Spiel bereit ist, an dessen Intensität zurzeit wohl niemand herankommt. Da muss sich Jonas Kaufmann sehr anstrengen. Neben winzigen Aussetzern bietet ihm Korngold Gelegenheit, das hohe Niveau der Stimme zur Geltung zu bringen. Fazit: Eine Topbesetzung auf der Bühne, mit Kirill Petrenko ein Perfektionist am Pult, der die liedhaften Feinheiten wie den großen Bogen berücksichtigt. Und mit Corinna Scheurle ist in einer kleinen Rolle die Entwicklung einer Künstlerin zu beobachten, die im Opernstudio der Bregenzer Festspiele ihre Karriere begann.

Nächste Aufführung von „Die tote Stadt“ am 22. November an der Staatsoper München und mehrere weitere: staatsoper.de