Konzert mit Pauken, Trommeln und Gongs

Kultur / 15.12.2019 • 20:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Studenten des Landeskonservatoriums unter Benjamin Lack mit dem Schlagzeugprofessor Slavik Skakhov als Solist. KONSERVATORIUM/MARIN

Die Weihnachtsmatinee des Landeskonservatoriums offenbarte aufregendes künstlerisches Potenzial.

FELDKIRCH So spektakulär wie gestern ist in all den Jahren zuvor noch nie eine Sinfonische Weihnachtsmatinee mit dem Orchester des Landeskonservatoriums und Benjamin Lack als überlegener Leitfigur eröffnet worden. „Das war der absolute Hammer!“ würde man in der Diktion der Jugend die brillante Art bezeichnen, mit der gemeinsam mit Schlagzeugprofessor Slavik Skakhov als Solist ein aktuelles Schlagwerkkonzert bezwungen und vom ausverkauften Haus heftig akklamiert wurde. Das hatte zwar alles mit Weihnachten im eigentlichen Sinne ebenso wenig zu tun wie die von Tschaikowsky komponierte „Vierte“ als großes klassisch-romantisches Werk, aber das Publikum genoss sichtlich diese Polarisierung, und das Orchester zeigte sich in beiden Fällen flexibel in Hochform.           

Es ist eine schöne Tradition geworden, dass man bei diesem Anlass einer relativ neu ans Haus engagierten Lehrkraft die Möglichkeit gibt, sich dabei dem Publikum zu präsentieren. Der seit Herbst 2017 als Leiter einer Schlagzeugklasse in Feldkirch tätige Slavik Stakhov hat bereits mit Bobby McFerrin und Martin Grubinger zusammengearbeitet. Und so wie dieser switcht auch er über die mit Schlaginstrumenten aller Art von Pauken, Trommeln, Becken und Gongs bis zum Marimbaphon vollgeräumte Bühne, macht genau nach Noten oder improvisiert hier einen Schlag, dort einen Wirbel und setzt auch seine Stimme ein, was meist nach militärisch bellenden Kampfesrufen klingt. In Wirklichkeit sind es Fragmente und Laute aus Gedichten, die der ungarische Komponist Peter Eötvös seinem 2013 entstandenen Werk „Speaking Drums“ als geistige Basis für die „sprechenden Trommeln“ unterlegt hat. So entspinnt sich, unterstützt von drei Schlagzeugschülern Stakhovs, auf der Bühne ein atemberaubendes theatrales Mit- und Gegeneinander des wendigen Solisten mit den begeistert mitgehenden Orchestermusikern. Sie liefern ihm dazu wie Hunde, die man von der Leine lässt, tonal ausgeweitete Klangflächen und rhythmisch Gegensätzliches als Unterfütterung. Klar, dass der neue Schlagzeugprofessor im Nu zum Publikumsliebling wird.      

Zum zweiten Teil mit Tschaikowsky passen nun auch die schwarzen Kleider und Anzüge besser, mit denen sich die Damen und Herren des Orchesters wie üblich fein herausgeputzt haben. In aller Unerschrockenheit und Risikofreude, ihrer mehrjährig erworbenen Routine und Nervenstärke, kommen sie auch diesmal ohne Lehrkräfte ganz auf sich allein gestellt aus und stemmen einen Koloss wie Tschaikowskys populäre „Vierte“, die erstmals an diesem Haus erklingt, zu einem Ergebnis, das man wohl als mögliche Höchstleistung eines Studierenden-Orchesters einstufen kann.

Reifeprüfung bestanden

Benjamin Lack als Energiebündel und Motivator ist eine zehnjährige vorbildliche Aufbauarbeit zu danken, die trotz Fluktuation stets in vielen Details noch verfeinert wird. Da ist, wie er berichtet, auch ein System mit vorbereitenden Registerproben dienlich für ein optimales Gelingen, deren Ergebnis er dann in wenigen Gesamtproben ohne Reibungsverluste zum komplexen sinfonischen Gefüge zusammenführen kann. Gerade Tschaikowsky mit seinen satten sinfonischen Klängen ist nun wirklich keine leichte Kost für junge Musiker, ein gewaltiger Brocken an komplexer Musik, die erst erarbeitet und gestaltet werden will, damit sie auch in ihrer Zwielichtigkeit zur Wirkung kommt. Denn dem äußerlich festlich freudigen Werk wohnt ein tief melancholischer Kern inne. Diesem begegnet man in einer mit strahlendem Blech und Hörnern knallig aufgefetteten Wiedergabe, in der trotzdem tiefe Leidenschaft ganz ohne Weinerlichkeit ihren Platz findet. Der Jubel ist auch hier groß.

Das lange angestrebte und erhoffte Upgrade des Konservatoriums in eine Privatuniversität wird, so Direktor Jörg Maria Ortwein zu den VN, nach Überwindung etlicher bürokratischer und anderer Hürden in etwa einem Jahr erfolgen. Die Reifeprüfung dafür hat das Konservatorium mit dieser Matinee neuerlich auf imponierende Weise bestanden.  Fritz Jurmann