Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Von den Vorteilen der Stille

Kultur / 03.04.2020 • 20:38 Uhr

Ich genieße die Zeit der Ruhe, der Stille, und liege, mit einem Buch ausgestattet, bei herrlichem Wetter auf der Terrasse. Ich hab’s also – im Gegensatz zu vielen anderen Menschen – gut. Ich schau in den blauen Himmel und denk mir: Da fehlt doch etwas. Klar, da fehlen die vielen Kondensstreifen, die sonst das tiefe Blau verunzieren. Und wenn diese Streifen fehlen, dann können Flugzeuge auch keine umweltbelastenden Stoffe in die Erdatmosphäre tragen. Und das ist doch eine gute Nachricht für unsere Umwelt. Ebenso ist der Autoverkehr nicht gerade zum Erliegen gekommen, aber doch wesentlich zurückgegangen. Auch das ein Beitrag für die Luftqualität, was vor allem jene spüren, die an viel befahrenen Straßen wohnen.

Ich also blicke in die Sonne, genieße die Wärme und die gute Luft. Gleichzeitig lese ich ein Buch (Friedrich Dönhoff, „Seeluft“, Diogenes Verlag), das mir zeigt, dass die Qualität der Luft nicht nur von Fliegern und Autos abhängt. Denn der Schiffsverkehr auf den Weltmeeren war bisher von Klimaschutzvereinbarungen ausgeklammert, obwohl er einen größeren Anteil an klimaschädlichen Emissionen ausstößt als der Flugverkehr. Derzeit sind etwa 90.000 Schiffe (gegenüber etwa 24.000 Passagier- und Frachtflugzeugen) – vor allem Frachtschiffe, also Containerschiffe, Öl-, Gas- und Chemikalientanker, sowie Passagierschiffe, also Fähren und Kreuzfahrtschiffe – auf den Weltmeeren unterwegs. Schiffe transportieren rund 90 Prozent des weltweiten Warenverkehrs – und brachten damit auch den meisten Dreck in Luft und Wasser, da sie fast ausschließlich durch Schweröl angetrieben wurden. Mit 1. Jänner hätte sich das ändern sollen, denn seit damals müssen alle Schiffe laut Bestimmung der Internationalen Schifffahrtsbehörde den Ausstoß von Schadstoffen um 85 Prozent reduzieren. Das Problem derzeit: Die Kontrolle der klimaschützenden Maßnahmen.

Von besonderer Bedeutung ist die Reinhaltung von Luft und Wasser natürlich am Bodensee. Immerhin wird das Trinkwasser für fast fünf Millionen Menschen aus dem See entnommen. Und das wiederum ärgert die Fischer, für die die Sauberkeit des Wassers für zurückgehende Erträge verantwortlich ist. Und durch die derzeitige Situation wird das Wasser noch sauberer, denn im Moment gibt es keine Bodenseeschifffahrt und Privatschiffe dürfen auch nicht auslaufen. Die Ruhe in der Luft und am Wasser bringt also eine sonst nie mögliche Erholung für die Natur der ganzen Welt. Wenigstens etwas.

„Immerhin wird das Trinkwasser für fast fünf Millionen Menschen aus dem See entnommen.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.