Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Atheist von Gottes Gnaden

Kultur / 10.04.2020 • 19:51 Uhr

Es ist Jahre her, dass mir mein alter Freund Alfred Wopmann, früher für zwei Jahrzehnte Intendant und großer Erneuerer der Bregenzer Festspiele, ein Buch geschickt hat. Es ist von Luis Bunuel, trägt den Titel „Mein letzter Seufzer“ und ist 2004 im Alexander Verlag in Berlin erschienen. Ich habe also lange gebraucht, um zu jenem Artikel vorzudringen, den mir Alfred Wopmann vor drei Jahre empfohlen hat. Dafür aber war nun der Zeitpunkt, die Osterwoche, genau richtig. Denn Bunuel beschäftigt sich – wie ja viele Menschen gerade in heutiger Zeit – mit Glaubensfragen.

Allein der Satz, um den es geht, ist unglaublich: „Ich bin ein Atheist von Gottes Gnaden.“ Eine Formel, die nach Bunuel nur scheinbar einen Widerspruch enthält, wenn er sich die Frage nach dem Glauben stellt, der für ihn dem Zufall entspricht. Er führt ein Beispiel an, den französischen Schriftsteller Roger Caillois mit seinem Buch „Pontius Pilatus – Ein Bericht“. Pontius Pilatus allein entscheidet über Tod oder Freilassung von Jesus. Laut Bibel lässt er Jesus verurteilen – und wäscht sich die Hände in Unschuld. Bei Caillois aber setzt sich das Gerechtigkeitsempfinden Pilatus‘ durch und er lässt Jesus frei. Jesus lebt weiter, lehrt und stirbt in hohem Alter. Er gilt als großer, heiliger Mann, der aber nach seinem Tod vergessen wird. Und die Welt hätte damit einen anderen Verlauf genommen.

Zufall also. Und Bunuel meint: „Die Konsequenz, die ich für einen eigenen Gebrauch daraus ziehe, ist sehr einfach: Glauben und Nichtglauben ist dasselbe.“ Er aber könne nicht glauben, dass Gott ihn immer überwache, dass er sich um seine Wünsche kümmere. Er könne auch nicht akzeptieren, dass er ihn in alle Ewigkeit strafen könne. Schließlich „Wer bin ich für ihn? Nichts, ein Schatten aus Lehm. Mein Auftritt ist so kurz, dass keine Spur von ihm bleibt.“ Übrigens eine interessante Parallele zu Psalm 103, 15-16: „Des Menschen Tage gleichen dem Gras, er blüht wie die Blume des Feldes. Ein Hauch des Windes, schon ist sie dahin; und der Ort, wo sie stand, er hat sie vergessen.“

Doch in der Bibel wie bei Bunuel löst sich die Klage. Im Psalm heißt es: „Doch immer und ewig ist mit den Frommen die Gnade des Herrn, mit den Kindern ihrer Kinder seine Gerechtigkeit.“ Und bei Bunuel ist es eben die Erkenntnis: „Ich bin ein Atheist von Gottes Gnaden.“ Am Ende seines Artikels zitierte Luis Bunuel den französischen Surrealisten André Breton: „Ein Philosoph, den ich nicht verstehe, ist ein Schuft.“ Bunuel darauf: „Da bin ich völlig seiner Meinung – auch wenn ich manchmal etwas Mühe habe, Breton zu verstehen.“

Denn Bunuel beschäftigt sich – wie ja viele Menschen gerade in heutiger Zeit – mit Glaubensfragen.

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.