Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Inseln und Heilige

Kultur / 18.04.2020 • 09:59 Uhr

Es hat nicht nur die katholische Kirche getroffen, die ihr Hochfest am vergangenen Wochenende in leeren Kirchen abhalten musste. Ebenso werden die orthodoxen Christen in Griechenland und anderen Ländern an diesem Wochenende ihr Osterfest nicht mit den üblichen großen Feiern in den Kirchen und auf den Plätzen begehen können. Die heilige Insel der Ägäis, Patmos, wird leer sein. Weinen könnte ich, wenn ich daran denke, dass die großen, die geradezu theatralischen Festlichkeiten auf Patmos, am Platz unterhalb des Klosters Agios Iannis, das dem Heiligen Johannes geweiht ist, ohne Besucher bleiben werden. Oft habe ich diese Feiern erlebt, immer war ich gerührt und begeistert von so viel Frömmigkeit und geradezu barocker Schönheit, die die Mönche des Klosters auf dem Platz hoch über dem Meer am Gründonnerstag in der Zeremonie der Fußwaschung darboten.

Die sonst an diesen Tagen prall gefüllte Insel Patmos wird heuer ohne Besucher auskommen müssen. Das Kloster auf der Spitze des Berges wird nur von Mönchen bewohnt sein, keine Gläubigen werden dem Heiligen Johannes Kerzen anzünden, jenem Johannes, der mit der Apokalypse, der Geheimen Offenbarung, das letzte und vielleicht schönste Buch der Bibel geschrieben hat. Er hat es hier auf Patmos geschrieben, als Verbannter, als Geächteter. „Ich, Johannes, (…) befand mich auf der Insel, die Patmos heißt“, steht in den ersten Zeilen der Apokalypse, der Vision des Johannes.

Heilige Inseln gibt es in vielen Teilen der Welt, auch bei uns, im Bodensee, liegt mit der Reichenau eine Insel, die man heilig nennen kann. Nicht nur wegen des 724 vom Heiligen Pirmin gegründeten Klosters, sondern vor allem wegen dessen Abt Walahfrid Strabo, der hier 824 die „Visio Wettini“ verfasste, eine in Hexametern festgehaltene Vision, in der sein Lehrer Wetti durch die Unterwelt wandert. Eine Vision also auf einer griechischen Insel, eine andere auf einer Insel im Bodensee. Hier wie dort sind es Jenseitsvorstellungen, Eingebungen, die von heiligen Männern in Schriftform gebracht wurden.

„Und schließlich gibt es noch eine heilige Insel im Bodensee, die kleine, fast unbekannte Insel Werd, direkt vor Stein am Rhein im Untersee.“

Und schließlich gibt es noch eine heilige Insel im Bodensee, die kleine, fast unbekannte Insel Werd, direkt vor Stein am Rhein im Untersee. Auch Werd ist, wie Patmos, eine Verbannungsinsel. Im Jahre 759 starb hier der heilige Otmar, der erste Abt des Klosters St. Gallen, nachdem er politisch in Ungnade gefallen war und hier ausgesetzt wurde.

Inseln sind es also, die Heilige anziehen, Inseln, die „eine Oase in der Wüste des Wassers“ (so der deutsch-griechische Schriftsteller Johannes Gaitanides) bilden. Man könnte lange darüber nachdenken, wohl auch schreiben.

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.