Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Gibt es Orchideenfächer?

Kultur / 02.05.2020 • 08:00 Uhr

Es war vor bald einmal zwei Jahrzehnten, als der damalige freiheitliche Finanzminister Karl-Heinz Grasser davon sprach, dass man die „Orchideenstudien“ an den österreichischen Universitäten zugunsten von lebens- und praxisnäheren Fächern abschaffen müsse. Der genaue Satz lautete: „Orientalistik brauchen wir nicht. Bei den sogenannten Orchideenstudien soll man Ordnung machen.“ („Die Presse“ vom 7. Oktober 2000). Darauf antwortete die Geisteswissenschaftliche Fakultät der Universität Wien in einem offenen Brief: “Diese Fächer, Herr Minister, sind es, die neben Literatur und Kunst den geistigen Reichtum unseres Landes ausmachen.“
Fast zwanzig Jahre nach dieser Diskussion um „Orchideenfächer“ gibt es nun eine ähnliche Auseinandersetzung an den österreichischen Schulen. Aufgrund der schulfernen Zeit, die die Kinder und Jugendlichen durch die Pandemie zu Hause verbringen müssen, soll nun ab Mitte Mai doch noch möglichst viel Stoff in der Schule nachgeholt werden. Und da soll man sich nach Ansicht von Bildungsminister Heinz Faßmann nicht mehr mit vermeintlichen Nebensächlichkeiten wie den musischen Fächern aufhalten, sondern sich auf die wesentlichen Dinge konzentrieren. Musikerziehung oder auch bildnerische Erziehung gehören nach Ansicht des Ministers nicht zu diesen wesentlichen Fächern.

„Das aber werden wir dann nicht nur ideell, sondern auch materiell spüren.“

Da hat der Oberlehrer der Nation wohl etwas missverstanden. Nicht nur in der Schule, sondern auch im historischen Verständnis dieser Nation, die sich ja gerne als Kulturnation sieht. Ohne Kunst und Kultur – um den allgemeinen Begriff und nicht den der Schulfächer zu verwenden – stünde dieses Land im wahren Sinn des Wortes arm da. Denn nicht zuletzt der internationale Tourismus, den man sich im Moment so sehr herbeiwünscht, gründet auf genau dieser Kultur. Da aber kann man nicht über Jahrhunderte nur vom Alten abbeißen, da muss schon auch immer Neues hinzukommen. Um es einfach zu sagen: Nur immer Mozart und Fischer von Erlach genügen nicht, wir brauchen auch die neue Musik, die neue Architektur und Kunst. Und die muss, genauso wie die Kulturgeschichte, schon in der Schule gelehrt und gelernt werden. Wenn man das versäumt, dann hat Österreich als Kulturnation bald einmal ausgedient. Sollten wir aber diesen Status verlieren, so ist es auch mit unserem Ansehen in der Welt ganz schnell dahin. Das aber werden wir dann nicht nur ideell, sondern auch materiell spüren. Wenn es schließlich so weit ist – dann aber ist es zu spät.

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.