Keine Kaserne, sondern ein Elitegymnasium

Kultur / 14.06.2020 • 13:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Keine Kaserne, sondern ein Elitegymnasium
Das alte Gebäude der Stella Matutina. VORARLBERGER PRIVATSAMMLUNG

Ein Fotobuch erzählt mit detailreichen Aufnahmen von den frühen Jahren der Stella Matutina.

Feldkirch Mitunter ist es ein großer Vorteil, wenn sich Pläne nicht erfüllen. Mitte des 19. Jahrhunderts, nach den Erfahrungen mit den 1848er-Revolutionen, vertrat man in Feldkirch die Meinung, dass mehr Militär präsent sein müsse. Die Garnisonsstadt blieb nur ein Plan, noch heute ereilt Feldkirch dafür der Ruf einer Bildungsstadt. Zur Pädagogischen Hochschule kommt demnächst die Privatuniversität für Musik, die Ausbildungsstätte im ehemaligen Gebäude der Stella Matutina, das Landeskonservatorium, ist im Wandel begriffen.

Speisesaal im alten Gebäude der Stella Matutina.
Speisesaal im alten Gebäude der Stella Matutina.

Dass der Gebäudekomplex im Stil der Neorenaissance im Reichenfeld einen wesentlich schmuckloseren Vorgänger auf der anderen Seite der Ill hatte, ist vielen nicht mehr bekannt. Ein Fotobuch, datiert mit 1887/1888 erzählt davon.

Großer Speisesaal

Das 1856 gegründete Gymnasium des Jesuitenordens befand sich in den ersten Jahrzehnten nämlich dort, in dem ursprünglich als Kaserne errichteten Haus. Das Album mit rotem Einband des renommierten, in Frankreich sowie in der Schweiz ansässigen Fotostudios De Jongh befindet sich in einer Vorarlberger Privatsammlung. Der ursprüngliche Besitzer ist nicht bekannt, erzählt der Kunsthistoriker Tobias G. Natter. Über 200 Zöglinge sind auf einem Bild zu zählen, der Fotograf hat eine entspannte Situation festgehalten. Die Buben mit ihren Mützen nehmen zum Teil eine recht lockere Haltung ein.  Nahezu 350 Schüler wurden in diesem Jahr unterrichtet, über 100 waren Söhne aus adeligen Familien, die auf katholisch ausgerichtete Erziehung setzten. Die hohe Qualität des Unterrichts machte die Stella Matutina weit über die Landesgrenzen hinaus zur begehrten Ausbildungsstätte. Der Name ist in der christlichen Ikonographie mit vielfältiger Bedeutung unterlegt, der Morgenstern verheißt kommendes Licht. Die Zahl der Lehrer war vergleichsweise hoch, dass sich im Haus ein Naturalienkabinett befindet, wurde stets betont, es gab Konzerte und Theateraufführungen und es wurde viel Sport betrieben. Ein Bild zeigt den Speisesaal, einen hohen, mit Schablonenmalerei ausgeschmückten Raum mit akkurat gedeckten Tischen. Die Stoffserviette liegt neben dem Porzellan. Personal ist anwesend. Ist da etwa Wein in den verstöpselten Flaschen neben dem Wasserkrug oder handelt es sich doch um Fruchtsaft?

StellAusschnitt aus dem Gruppenbild des Jahrgangs 1887/88.
StellAusschnitt aus dem Gruppenbild des Jahrgangs 1887/88.

Wenige Jahre später wurde das heute noch bestehende Gebäude im Reichenfeld errichtet, eine Brücke führte hinüber. Im Jahr 1938 wurde die Schule von den Nationalsozialisten geschlossen, das alte Gebäude verkauft und dann abgerissen. Im Jahr 1946 wurde der Unterricht im neuen Gebäude wieder aufgenommen und weitergeführt bis es keine ausreichende Zahl an Ordensmitgliedern mehr gab. Die Geschichte der Stella Matutina endete mit dem Maturajahrgang 1979. Seither wird hier – und demnächst im Hinblick auf Uni-Abschlüsse – musiziert. VN-cd

Einband des schön gestalteten Fotobuchs.
Einband des schön gestalteten Fotobuchs.