Lesen ist ein Anfang

Kultur / 06.11.2020 • 16:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Lesen ist ein Anfang

Wie alte Tugenden zu neuen Lösungen führen.

ESSAY In Zeiten von Social Distancing und Distance living hat sich einiges zum nicht Besseren verändert. Es ist ruhig oder verstörend geworden draußen und einsam bzw. biedermeierlich drinnen. Umso mehr lohnt es sich, genau hinzuhören, was sich und wer was tut. Globalisierung, Fortschritt, Beschleunigung scheinen entweder an ihre Grenze gekommen zu sein oder in eine alles Humane erstickende Gegenwart zu münden. Exakt hier setzt die Philosophin Donatella Di Cesare mit ihrem jüngsten Werk an. Kurz gesagt, laufen ihre verblüffenden Analysen einer sich in ihrer Selbstvervollkommnung, Stichwort Posthumanität, verlierenden Menschheit darauf hinaus, dass bei aller Macherei die Immunisierungsstrategien versagen, bzw. das Gefühl für das, was wohltut, abhandenkommt.

Praktische Philosophie

Das ist angesichts der Viruslage höchst bedenkenswert und wird noch spannender, wenn Di Cesare die leichtfertig postulierte, ins Totalitäre mündende Alternativlosigkeit politischer Strukturen und Maßnahmen ins Spiel bringt. Es geht nicht immer darum, in sich hineinzuhören, sondern das Außen wahr- und ernst zu nehmen. Das ist ein Plädoyer für ein Philosophieren, das ganz klassisch im Staunen wurzelt. Und dann der Kernsatz: „Weit eher als ein Handeln ist es ein Erleiden.“ Also etwas, das mit Empathie und mit Leidenschaft zu tun hat. Was will man mehr? Was mehr kann man wollen? Kalte Berechnung? Profitdenken? Rein wirtschaftliches Kalkül? Nein! Ermöglicht werden soll „jenes einzigartige Sehen, das im Denken besteht“. Weil all das keine weltfremden Überlegungen sind, sondern der Versuch und der Wunsch, die Menschen teilnehmen zu lassen an der Welt, am Staat, an der Gemeinschaft, genau darum ist Di Cesares Buch mit seiner eminent weiblichen Perspektive ein starkes und unverzichtbares Stück praktischer Philosophie, auf das keine Politik ungestraft, d. h. unter großen Verlusten an Menschlichkeit, Spontaneität, Sicherheit, Verlässlichkeit verzichten kann. Lesen hilft. Lesen ist ein Anfang. pen

“Von der politischen Berufung der Philosophie”, Donatella Di Cesare, Matthes & Seitz, 175 Seiten.

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