Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Er hatte Mut und Kraft

Kultur / 27.11.2020 • 18:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Viel ist in den letzten Tagen über Pater Nathanael Wirth, den vor einer Woche verstorbenen ehemaligen Propst von St. Gerold, geschrieben worden. Seine tiefe Spiritualität wurde vom derzeitigen Propst Martin Werlen beschrieben, seine erstaunliche unternehmerische Fähigkeit wurde ausgiebig gewürdigt, öffentliche Anerkennungen wie das Silberne Ehrenzeichen des Landes oder die Verleihung des Dr.-Toni-Russ-Preises wurden angeführt. Die Verdienste von Pater Nathanael um die Kultur des Landes kamen vielleicht etwas zu kurz. Dabei war er einer der ganz wichtigen kulturellen Lichtbringer in Zeiten, als es die Kultur nicht ganz leicht hatte.

Man erinnere sich, Pater Nathanael kam 1958 als noch nicht einmal dreißigjähriger Mönch eigentlich zur Erholung nach St. Gerold, ein Jahr später war er schon für die Außenstelle des großen Benediktinerklosters Einsiedeln verantwortlich. Die Propstei, die auf eine etwa tausendjährige Geschichte zurückblicken konnte, lag im Argen. Nach und nach begann Pater Nathanael mit den Sanierungen, bereits 1966 bekam die Kirche ihr heutiges Aussehen. Ein auf das Wesentliche reduzierter Kirchenraum mit dem Bild von Ferdinand Gehr an der Altarwand. Ferdinand Gehr war ein Schweizer Künstler, der an der Wand den Beginn des Johannes-Evangeliums ins Bild setzte: „Am Anfang war das Wort …“ Noch nie habe ich eine so klare, einfache, dazu von höchster Spiritualität zeugende Darstellung eines biblischen Zitates gesehen. So wurde diese Malerei das Herzstück von St. Gerold, wobei Pater Nathanael auch alle Räume des Klosters mit Bildern von Ferdinand Gehr, dem Meister des Einfachen und der Blumenbilder, ausstatten ließ.

Neben den laufenden Renovierungsarbeiten im Kloster brachte Pater Nathanael immer wieder und immer mehr große Künstler, nicht zuletzt Musiker, nach St. Gerold. Die Pfingstkonzerte wurden legendär. Der ORF Vorarlberg erkannte die Stimmung in der Propstei und veranstaltete große Musik- und Literaturprogramme. St. Gerold wurde zum kulturellen Zentrum, die Kirche zum gefragten Konzertplatz. Das deutsche Lable ECM brachte die Musikgrößen der Welt ins abgelegene Tal, um hier große, noch immer gefragte CD-Einspielungen zu machen. Und natürlich kam Pater Nathanael immer wieder auf seine ureigenen Fragen der Religion und der Kirche zurück. Er holte sich Größen der theologischen Wissenschaft und brachte sie in Diskussion mit Gegnern der Kirche – höchst spannende Auseinandersetzungen. Pater Nathanael hatte Mut und Kraft, um immer wieder Gegensätze und neue kulturelle Ideen nach Vorarlberg zu bringen, und er hat uns damit wunderbare Stunden in St. Gerold bereitet. Dafür verneige ich mich vor ihm.

„St. Gerold wurde zum kulturellen Zentrum, die Kirche zum gefragten Konzertplatz.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.

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