Der Pop-up-Gastgarten

Seit Sepp in Pension ist, macht er jeden Nachmittag einen langen Spaziergang entlang des Rheindamms. Danach kehrt er noch auf ein Bier im Gastgarten ein. Natürlich hat er nach der großen Runde Durst, aber wichtiger ist ihm das Plaudern mit anderen Gästen. Es findet sich immer jemand für ein Gespräch. Wenn Sepp später nach Hause geht, ist er bereit für den Abend mit V-Heute und einem kleinen Abendessen. Seit ein paar Wochen stimmt aber etwas nicht, es kommt ihm vor, als wären mehr Menschen am Rheinufer unterwegs, auch Männer in jungen Jahren, die man in der Natur eigentlich nur am Wochenende zu sehen bekommt. Kürzlich musste er nach dem Weg fragen, aber der junge Mann, den er um Hilfe bat, kannte sich selbst nicht mehr aus. Er stellte viele Fragen und nahm sogar das Telefon zu Hilfe. Dann allerdings war er sehr zuvorkommend und brachte ihn bis vor die Haustüre. Seither geht er eher die kleinere Runde, auch weil er schnell erschöpft ist. Noch mehr irritiert ihn, dass das Bier im Gasthaus anders schmeckt, manchmal ist es nicht einmal richtig kühl, wie es sich gehören würde. Die Stühle allerdings sind bequemer geworden. Als er die Kellnerin fragte, was mit dem Bier los sei, lachte die nur. Zu allem Überfluss setzt sie sich seither meistens zu ihm an den Tisch. Er will da nichts sagen, sie muss selbst wissen, ob sie zu tun hat oder nicht. Er sieht aber auch, dass der Gastgarten nicht mehr gut besucht ist, meistens sitzt er sogar alleine am Tisch. „Nicht viel los heute“, sagt er traurig, setzt sich aber trotzdem.
Seine Tochter hat es ihm erklärt, sie hat etwas von Lockdown und von einem Virus erzählt, und in den Nachrichten kommen diese Wörter auch andauernd vor. Er hört nur halb zu, denn das Politisieren hat er aufgegeben. Der Alltag in seinem viel zu großen Haus ist anstrengend genug. Seine Tochter findet das auch, sie schimpft manchmal, weil sie seine Ordnung nicht akzeptiert und alles umräumt, wenn sie das Mittagessen bringt. Das gab etwas Streit, er erinnert sich daran, dass sie eine Zeitlang nicht einmal mehr ins Haus kommen wollte. Sie hat ihm das Essen gebracht, aber sie wollte sich nicht mehr dazusetzen. Das machte ihn erst recht wütend. Aber er ist froh, dass sie täglich bei ihm klingelt, und manchmal macht sie sauber, weil das mit seinen zitternden Händen nicht mehr gut geht. Er macht sich dann auf, der Lärm des Staubsaugers treibt ihn hinaus ins Freie.
Jetzt sitzt er endlich wieder bei seinem Bier, und die Kellnerin stößt mit einer Tasse Tee mit ihm an. Inzwischen plaudert er gerne mit ihr, sie fragt ihn zwar oft dieselben Sachen, aber er ist da nicht so streng. Hauptsache, man sitzt gemütlich beisammen. Es ist kalt, aber die Sonne scheint auf seine Beine. Jemand hat ihm eine Decke auf den Stuhl gelegt.
„Sepp, mit wem wirst du Weihnachten feiern?“, fragt sie und schiebt einen Teller mit Keksen vor ihn hin. Weihnachtskekse. „Ists schon wieder soweit? Dann muss ich wohl bald die Lichterkette vom Dachboden holen, und die Leiter aus der Garage“, sagt er und will aufstehen. Aber sie hält ihn zurück. „Du kannst in Ruhe austrinken, Sepp. Schau nur, das ist schon gemacht worden.“ Sie deutet auf die Fassade seines Hauses. Es ist ihr Nachbarhaus.
Sepp traut seinen Augen nicht. Einerseits weil das Gasthaus noch nie in der Nähe seines eigenen Hauses war. Und andererseits kann er sich nicht erklären, wie die Weihnachtsbeleuchtung an die Dachrinne kam. Er hat sie jedenfalls nicht dort angebracht. Rasch trinkt er aus und steht auf.
Es tut ihr leid, dass sie ihn auf die Weihnachtsbeleuchtung aufmerksam gemacht hat. Das war nicht sehr einfühlsam von ihr, aber jetzt ist es passiert. Sie sieht, wie unruhig ihr Nachbar Sepp wird. Wie jeden Nachmittag legt er fünf Euro auf den Tisch und sagt: „Passt schon so.“ Sie hofft, dass er die Sache einfach vergisst. So wie er auch vergisst, dass er seit vielen Jahren nicht mehr in der Lage ist, auf die Leiter zu steigen und dass sein Schwiegersohn diese Arbeit übernimmt. Es vergisst auch, dass ihre Terrasse kein öffentlicher Gastgarten ist, und sie keine Kellnerin. Seit das Gasthaus wegen des Lockdowns schließen musste, kommt er in ihren Garten, setzt sich an ihren Tisch und bestellt ein Bier, mit dem üblichen Heben des Zeigefingers und einem kurzen: „Ein kleines, bitte.“ Inzwischen hat sie immer Bier im Kühlschrank und freut sich, wenn er kommt. Die 5-Euro-Scheine sammelt sie und gibt sie dann an die Tochter zurück. Er ist immer leicht enttäuscht, weil er der einzige Gast ist, deshalb setzt sie sich zu ihm und plaudert ein paar Minuten mit ihm. Das tut sie auch deswegen, weil er ein guter Beobachter ist, und sie mag seine oft überraschenden Aussagen. Nicht immer versteht sie, was er meint, aber in seiner Welt sind sie passend, davon ist sie überzeugt. Während er jetzt seinen Mantel zuknöpft, sagt er: „Dein Mann, der hat ein blödes Problem. Der dreht die Zeit um.“
„Was meinst du damit, Sepp?“
Ihren Exmann hatte sie schon länger nicht mehr gesehen, aber vielleicht war Sepp ihm begegnet. Ihm und seiner neuen Lebensgefährtin. „Du musst ihm helfen, das kann nämlich schiefgehen.“
Sie muss lachen, wenn auch etwas wehmütig.
„Dem kann ich nicht mehr helfen“, sagt sie. „Weißt du, er hat angefangen, seine Haare zu tönen.“ Als Sepp schon am Gartentor steht, dreht er sich noch einmal um und sagt: „Du hast recht. Dann kannst du nichts mehr für ihn tun.“
So geht er nach Hause, und die Weihnachtsbeleuchtung kümmert ihn nicht mehr.

Zur Person
Daniela Egger
Geboren 1967 in Hohenems
Tätigkeit Schriftstellerin, Literaturvermittlerin, Projektmanagerin der Aktion Demenz, schreibt Drehbücher, Theaterstücke (u. a. am Vorarlberger Landestheater), Hörspiele, Erzählungen
Preise u. a. Rauriser Förderungspreis,
Publikationen u. a. „Ein Samurai am Kriegerhorn“, „Der Steward hätte die Tür nicht öffnen dürfen“, Beiträge in Anthologien