„Tausche Farbe gegen Fantasie“

Kultur / 08.04.2021 • 18:34 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Brittany Tucker vor einer Art Triptychon, das die Geschichte einer Nacht und des Morgens danach erzählt.VN/hf
Brittany Tucker vor einer Art Triptychon, das die Geschichte einer Nacht und des Morgens danach erzählt.VN/hf

Für Brittany Tucker aus New York ist Fantasie das Salz in der Suppe der Vernunft.

Bregenz Ihrer Ausstellung „Dreamer“ im Bregenzer DWDS (Die Wiedergeburt des Schaufensters) stellt die 1996 in Brooklyn, New York, geborene Brittany Tucker ein Zitat von Toni Morrison, einer bedeutenden Vertreterin der afroamerikanischen Literatur, voraus: „I dream a dream that dreams back at me.“ Da schwingt bereits sehr viel Selbstreflexion mit. Das ist auch das Steckenpferd von Tuckers Arbeiten. Sie erforscht die Erfahrung und Stellung der afroamerikanischen Frau in der Gesellschaft, speziell in den Vereinigten Staaten. Das macht sie mit Selbstporträts, deren Wahrheit zwischen der eigenen Erfahrungen und einer verklärten retrospektiven Sicht auf Ereignisse beruhen, denen sie mithilfe von Comic-Charakteren einen gesellschaftlichen Twist verpasst.

Manipulation

„Meine Herangehensweise an die Porträts hat sehr viel mit Bildhauerei zu tun“, erklärt Tucker. „Als Ausgangslage dient mir ein Farbfoto, dem ich alle Farbe entziehe und so auch den Raum mit dem Pinsel neu dimensioniere.“ Doch nicht nur das. Dieser Prozess ermöglicht es ihr, die übertragene Fotografie zusätzlich zu manipulieren, dem Bild fantastische Elemente hinzuzufügen oder Dinge wegzulassen und sich gegebenenfalls mit Einarbeitung einer Comicfigur auch noch selbst in einen gesellschaftlichen Kontext zu stellen, um eine Geschichte von erfüllten oder enttäuschten Erwartungshaltungen zu erzählen.

Anfang 2020 hat es die Künstlerin, die am Bard College im Staat New York multidisziplinär ausgebildet wurde, nach Wien verschlagen. Ihr Atelier in der Bundeshauptstadt hat ähnliche Ausmaße wie das DWDS, so konnte das biografische Konzept direkt in den Raum gesetzt werden. „Dreamer“ stellt zudem ein Novum dar. Es ist das erste Mal, dass der Raum in der Jahnstraße, der sich als Bühne für Diskutables und Plattform für Synergien versteht, so reduziert bespielt wird. Es herrscht eine gewisse Leere, nur die beiden Wände sind behangen. Die Schaufenster sind mit Elementen bemalt, die sich in den Bildern wiederfinden. So ergibt sich im Vorbeigehen ein fantastischer Blick von außen nach innen, vom Großen ins Kleine.

Biografiearbeit

Die Ausstellung in Bregenz ist Biografiearbeit, die fünf Bilder hinterfragen die Beziehung zwischen Selbsterhaltung und Vorstellungskraft. „Was wird dem Erwachsenwerden geopfert? Wie können wir zur Quelle zurückkehren um herauszufinden, was wir verloren, aber nicht vergessen haben“, fragt sich Tucker. Sie erfindet sich in jedem der Bilder neu, stellt ihre Gefühle auf die Waagschale, kramt in der Schatulle der Erinnerung und Verklärung. So entstehen Was-wäre-wenn- und Nichts-ist-wie-es-scheint-Momente, die den Betrachter auch selbst in die biografische Pflicht nehmen. VN-HF

Die Ausstellung „Dreamer“ ist noch bis zum 26. April im DWDS in Bregenz, Jahnstraße 13–15, zu sehen. www.dwds.info