Wie ein zeitgenössischer Künstler an die Vorarlberger Barockbaukunst erinnert

Arbeiten von Peter Sandbichler sind im Kunstraum Dornbirn zu sehen
Dornbirn Wer nach einem Vorarlberg-Bezug im umfangreichen Werk des Tiroler Künstlers Peter Sandbichler sucht, erhält besonders interessante Informationen. Der Konzeptkünstler und Bildhauer (geb. 1964 in Kufstein) hat unter anderem bei Wander Bertoni und Bruno Gironcoli in Wien sowie bei Peter Weibel in Frankfurt studiert, lässt also nicht unbedingt vermuten, dass auch Marmor einer seiner Werkstoffe sein könnte. Wenn man berücksichtigt, wie er arbeitet, erscheint es aber logisch, dass er das traditionelle Material für ein Werk in der Barockkirche St. Peter und Paul in Hilzingen wählte. Der besagte Sakralbau, unweit des deutschen Bodenseeufers, ist ein Vorzeigewerk von Peter Thumb, eines der bekanntesten Barockbaukünstler aus dem Bregenzerwald. Dass für die Innenausstattung damals gerne ein Marmorimitat verwendet wurde, das Stuckateure die Möglichkeit bot, farblich besonders üppig zu agieren, animierte Sandbichler dazu, mit echtem Marmor zu arbeiten. Sein Altar integriert sich nun bestens ins Gesamtbild.
Für die Montagehalle geschaffen
Die Materialwahl ist ein wesentlicher Aspekt im Schaffen des Künstlers. Das gilt auch für jene Arbeiten, die er nun nicht nur für den von Thomas Häusle geleiteten Kunstraum Dornbirn, sondern auch dort, in der ehemaligen Montagehalle der Rüsch-Werke schuf, wo noch bestehende Hebeeinrichtungen vorhanden sind, die die Umsetzung seiner Ideen ermöglichten. Mit „Unpredictable“ (Unberechenbar) ist die Schau betitelt, die aus zwei Installationen, nämlich einer aufgehängten Spirale und einem riesigen Tierschädel, einem seiner Skull-Serie zuzuordnendes Artefakt, besteht. Inhaltlich sind beide Arbeiten auf Sandbichlers nahezu akribisches Beachten der Wiederverwertbarkeit von Stoffen zu beziehen, formal ähneln sie einander ebenso und wer nach einem Kunstschaffen sucht, das für Empathie und Assoziationsvielfalt steht, verlässt die Montagehalle nicht mehr so schnell.

Die Spirale, die sich neben der gesamten Fensterfront der rund 30 Meter langen Halle erstreckt und angesichts der Unberechenbarkeit der Imagination oder der berechtigten Verweise auf die barocke Kunst (in der die Spiralform in den Himmel führt) auch darüber hinaus ins Unendliche reichen könnte, besteht aus Verpackungskarton. Mit dem Material wurden zuvor Fahrräder auf den Weg zum Kunden geschickt. Die Aneinanderreihung der an die 60 Einzelelemente wurde zuvor am Computer simuliert, die Machbarkeit ergab sich vor Ort. Wie Bildhauerei den Raum und die Perspektiven verändert, lässt sich beim Abschreiten erkunden. Auch die Farbgebung der Oberflächen oder die zufällig aufeinanderstoßenden Begriffe bereichern das Erlebnis, das auch darin gipfelt, dass es dem Betrachter nicht schwerfällt, sich angesichts einer Schraube bewegte Bilder vorzustellen, Anknüpfungspunkte zur Geschichte des Ortes zu finden oder in der Spirale an die gängige Darstellung der DNA zu denken, die in der Pandemie-Zeit öfter auftauchte als sonst.
Ein Elefantenschädel
Biologische und ökologische Faktoren finden auch in der Schädelskulptur Berücksichtigung. Abgesehen davon, dass Tierschädel eine wahre Fundgrube für all jene sind, die sich mit formalen Aspekten auseinandersetzen, ist der Verweis auf die Endlichkeit oder eine Katastrophe, die zur Veränderung in der Fauna führt, offensichtlich. Die betretbare Skulptur „Skull #6,2021“ aus elfenbeinfarbigem Gießharz besteht aus etwa 30 Modulen und hat jene Größe, die in der Montagehalle zu bewältigen war. Die Assoziationen, die das Werk hervorruft sind vielfältig und das Schöne daran ist, dass die handwerklichen Aspekte sowie die Anknüpfungspunkte an die Kunstgeschichte – etwa bei der Betrachtung des Faltenwurfs oder beim Verweis auf die vielfältige Verwendung von Tierschädeln – die selbe Wertigkeit haben wie die Botschaft, die eine Arbeit in sich trägt, die auch die Bedrohung der Natur anmahnt.
Die Ausstellung im Kunstraum Dornbirn, Jahngasse 9, wird am 6. Mai, 16 bis 20 Uhr, eröffnet und ist vom 7. Mai bis 15. August, Mo bis So, 10 bis 18 Uhr, zu sehen.


