Nicht an den Haaren herbeigezogen

Kultur / 16.07.2021 • 20:26 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Sara-Lisa Bals setzt sich auf kreative und kritische Weise mit den Themen Ritual, Identität und Tradition auseinander.Froh
Sara-Lisa Bals setzt sich auf kreative und kritische Weise mit den Themen Ritual, Identität und Tradition auseinander.Froh

Sara-Lisa Bals will mit dem „Cumernustag“ zwar nicht provozieren, bricht aber doch Tabus.

Bregenz Der Komponist Gustav Mahler meinte einst, Tradition sei Schlamperei. Nun, nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Und wer derzeit mit offenen Augen durch die Landeshauptstadt geht, der weiß, dass nicht jeder Mensch, der einen Bart trägt, ein Mann ist. Dieses Szenario haben wir der aus Hittisau stammenden und in Wien lebenden Künstlerin Sara-Lisa Bals (27) zu verdanken. Die Absolventin der Angewandten in Wien befindet sich gerade für ein Gastspiel in ihrer alten Heimat. In Bregenz zelebriert sie, ausgehend vom Kollektiv-Raum in der Maurachgasse, den ganzen Juli über ihr stets in Erweiterung begriffenes interdisziplinäres akademisches Abschlussprojekt „Cumernustag“, ein einzelner Feiertag – in mehreren Prozessionen mit klerikalem Anstrich – auf einen ganzen Monat verteilt. Es ist ein Spiel mit Tradition, Identität und Ritualen. „Vorneweg: Beim ,Cumernustag‘ geht es mir nicht um Provokation im Sinne von Denunzierung, was Glaube und Tradition anbelangt. Unter anderem aber sehr wohl um Kritik am Katholizismus, an der Institution Kirche und deren Einfluss“, stellt Bals resolut fest.

Ein kurzer Rückblick ins 14. Jahrhundert sei erlaubt. Die Legende der Kümmernis erzählt von der zum Christentum bekehrten Tochter eines heidnischen Königs, die sich gegen eine vom Vater erzwungene Heirat mit einem Heiden zur Wehr setzte. Ihre Gebete, verunstaltet zu werden, um der Verheiratung zu entgehen, wurden erhört: Ihr wuchs ein Bart. Der zornige Vater ließ die Jungfrau daraufhin nach Art ihres gekreuzigten Gottes hinrichten. Ihr Gedenktag ist der 20. Juli.

Feministische Pointe

Im April 2019 setzte sich das Frauenmuseum Hittisau mit der Sonderausstellung „Frau am Kreuz“ mit diesem Themenkomplex auseinander. Dadurch wurde auch Bals auf diese Geschichte aufmerksam. „Das ist doch eine witzige feministische Pointe“, erzählt sie, „dadurch, dass sie sich gegen Erzwungenes wehrt, hat sie den vorherrschenden Strukturen ein Schnippchen geschlagen.“ Die Erzählung ließ sie nicht mehr los. Im Gegenteil. „Ich habe mich gefragt, zu welchem Zweck man solche Geschichten erfindet, welche Möglichkeiten der Interpretation zulässig sind und natürlich, was das mit mir zu tun hat. Ich persönlich lege die Kümmernis nicht als Märtyrerin für den christlichen Glauben aus, sondern als Vorreiterin für die sexuelle Freiheit und Selbstbestimmtheit der Frau.“

Bals war klar, dass sie dieses Themenfeld künstlerisch beackern muss. Naheliegend war eine Auseinandersetzung im familiären und geografischen Umfeld. „Nicht nur die Eltern, ein ganzes Dorf erzieht ein Kind“, weiß die 27-Jährige. „Was bedeuten Tradition und Rituale über mehrere Generationen gerade in einer katholisch geprägten Gemeinschaft? Der Gegenpol, dass die Bregenzerwälder Frau in der Juppe als stark gilt, sich mit diesem Kleidungsstück aber gleichsam verhüllt und dadurch zu einem gewissen Grad unterwirft, ist spannend. Woher kommen diese Tabus und diese Körperfeindlichkeit? Ganz einfach: Aus dem Katholizismus, seinen Ritualen und den patriarchalen Strukturen. Mein Interesse gilt einer brisanten und konfliktreichen Umkehrung. Was wäre, wenn sich die Frauen nicht verhüllen lassen würden? Was macht das für mich als Bregenzerwälderin, wenn barbusige Frauen durch das Dorf ziehen würden?“

Juppenfrauen mit Bart

Als performative Darstellungsform hat sich die Künstlerin für die Prozession entschieden. „Im Ritual der Fronleichnamsprozession haben die Juppenfrauen keine Handlungsmacht, sondern nur einen dekorativen Zweck. Meine Interpretation mit barbusigen, barttragenden Frauen in selbst adaptierten Juppen führt beim Betrachter zu individuellen, sich selbst und seine Traditionen hinterfragenden Schlüssen. Es läuft auch ein Awareness-Team mit, um gegebenenfalls Aufklärung zu leisten.“ Im Privaten legt die Frau die Juppe ab. Zu diesem Zweck hat sich Bals im Kollektiv-Raum eine feine Bregenzerwäler Stube eingerichtet, mit Kanapee, Schminkkästchen, Wandschmuck und einem Teppich, der schon bei echten Fronleichnamsprozessionen im Hittisauer Staub lag. So schließt man einen Kreis.

Und wie geht es weiter? „Das in Bregenz ist ein kleiner erster Schritt. Auf meinem Plan steht mehr Recherche, was Ritual und Tradition anbelangt, in andere Länder reisen und das Projekt dort mit lokalen Künstlerinnen umsetzen und weiter zu entwickeln. Aufführen kann man es ja überall, wo es Traditionen und Trachten gibt, im öffentlichen Raum wie auf einer Bühne“, gibt die Künstlerin einen Ausblick. „Es ist ja ein Feiertag, der kommt jedes Jahr wieder.“

Vergangene Woche fand die Prozession zum Bartopfer in Bregenz statt.Mistura
Vergangene Woche fand die Prozession zum Bartopfer in Bregenz statt.Mistura

„Cumernustag“

20. Juli Performances zur Vorbereitung auf die Bartübergabe in Bregenz

24. Juli ab 19 Uhr Bartübergabe

31. Juli ab 19 Uhr Finissage

Die Ausstellung wird durch Videos und Drucke ständig erweitert. Besichtigung nach Vereinbarung unter hallo@kollektiv-raum.orf, weitere Informationen unter www.kollektiv-raum.org