Koloniale Raubkunst: Eine Kontroverse

Kultur / 15.02.2022 • 20:41 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Unlängst wurde das Humboldt Forum eröffnet, dessen Teil das Ethnologische Museum Berlin ist. Hatte schon der Nachbau des kaiserlichen Schlosses mit Preussens Pomp und Gloria Diskussionen um den Umgang mit Geschichte und Architektur ausgelöst, so steht nun auch der Inhalt des Museums und dessen Verhältnis zur Kolonialzeit zur Debatte. Dabei geht es um Fragen der Restitution von und Wiedergutmachung für in der Kolonialzeit geraubter Kunst und Kultgegenständen.

Besondere Aufmerksamkeit erzielten dabei die Benin Bronzen, die von den Briten 1897 im Rahmen eines Kriegszuges gegen das Königreich Benin erbeutet und auf verschiedensten Wegen in westliche Museen gelangt oder verkauft wurden. Das Beispiel steht für die Komplexität der kontroversiellen Debatten, die mittlerweile alle Museen, von Universalmuseen wie dem Metropolitan in New York bis zu ethnographischen Museen wie dem Weltmuseum in Wien erreicht haben. Dabei geht es um Fragen des recht- bzw. unrechtmäßigen Erwerbes, um die Beweislage nach Ablauf langer Zeiträume, um die Frage, an wen und unter welchen Voraussetzungen Objekte retourniert werden sollen. Wer ist der Rechtsnachfolger, etwa im Falle der Benin Statuen, der damals nicht existierende Staat Nigeria, auf dessen Territorium sich heute das ehemalige Königreich befindet oder die Nachkommen des damaligen Königs, in dessen Eigentum sich die Statuen befanden? Können Objekte an Staaten bzw. Gesellschaften zurückgegeben werden, die diese nicht erhalten wollen oder nicht erhalten können? Gibt es eine kulturhistorische Verpflichtung, die dem Eigentumsrecht vorgeht oder gilt was jedem rechtmäßigen Eigentümer zusteht, nämlich, dass es seine Sache ist, was er mit seinem Eigentum macht? Dabei darf auch nicht vergessen werden, dass Kriegsbeute zu nehmen, bis zur Haager Landkriegsordnung 1899, legitim und das Recht des Siegers war und Restitutionen ohne zeitliche Beschränkung weder sinnvoll noch möglich wären.

Überaus informativ hierzu ist das von Pia Schölnberger herausgegebene Buch „Das Museum im kolonialen Kontext, Annäherungen aus Österreich“. Vorbildlich und richtig war auch die Restitution menschlicher Überreste aus dem Naturhistorischen Museum Wien, die eindeutig belegbar durch Grabraub im 19. Jahrhundert entwendet worden waren, an die indigene Bevölkerung der Māori in Neuseeland.

Die Lösung kann auch nicht die Rückgabe sämtlicher, auch rechtmäßig erworbener kolonialer Objekte sein, wie manche dies in einem blinden moralischen Aktivismus fordern. Denn letztlich käme diese Separierung von Kulturen einem Akt „musealer Rassentrennung“ aller westlichen Museen gleich. Gefordert sind sachliche, überlegte Herangehensweisen, wie etwa jene des Metropolitan Museums unter der Direktion von Max Hollein, der die abwertende Trennung sogenannter ethnologischer Objekte und westlicher Kunst in Frage stellt und sie in Zukunft durch gemeinsame Präsentation auf Augenhöhe kontextualisieren will.

„Die Lösung kann auch nicht die Rückgabe sämtlicher, auch rechtmäßig erworbener kolonialer Objekte sein, wie manche dies in einem blinden moralischen Aktivismus fordern.“

Gerald Matt

gerald.matt@vn.at

Dr. Gerald Matt ist Kulturmanager und unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.