Alles andere als fadenscheinig

Kultur / 08.04.2022 • 22:25 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Viel Filigranes gibt es in der Ausstellung „gesponnen, bemessen, beschnitten“ zu bestaunen.Sarah Mistura
Viel Filigranes gibt es in der Ausstellung „gesponnen, bemessen, beschnitten“ zu bestaunen.Sarah Mistura

Bianca Lugmayr spinnt im Bregenzer Kollektiv an diversen Lebensfäden, auch an ihrem eigenen.

Bregenz So eine Nähmaschine ist schon eine tolle Sache. Man kann damit Löcher bohren, Lärm machen, sogar Schreiben ist möglich. Nicht zu vergessen: man kann damit Sachen verbinden. Die 1979 in Wels geborene und seit elf Jahren in Vorarlberg wirkende Künstlerin Bianca Lugmayr reizt in ihrer aktuellen Ausstellung „gesponnen, bemessen, beschnitten“ im Bregenzer Kollektiv alle diese Möglichkeiten aus. Ihr vielfältiges Werk hat immer einen engen, reflektierten Bezug zum Leben, nicht nur zu ihrem eigenen, auch zu jenem Fremder.

Schicksal

Das Nähen gilt als eine der ältesten handwerklichen Tätigkeiten. Kein Wunder also, dass dieses Fügeverfahren seinen Einzug in diverse Mythologien gefunden hat. Vorhang auf für den Lebensfaden. Dieser wird bei den Griechen von den drei Moiren, bei den Römern von den Parzen gesponnen. Diese Schicksalsgöttinnen bestimmen nicht nur über die Länge des menschlichen und göttlichen Lebens, auch die Verteilung von Glück und Unglück wird durch die Beschaffenheit des Textils definiert. Diese Tätigkeit wird in der Edda in ähnlicher Form von den Nornen, die an der Wurzel der Weltenesche Yggdrasil beheimatet sind, ausgeführt.

Es wäre allerdings vermessen, Lugmayr in die Fußstapfen der Schicksalsgöttinnen treten zu lassen. Was sie jedoch meisterlich beherrscht, ist, anhand einer einzelnen textilen Arbeit eine komplexe Biografie sichtbar zu machen. Die Künstlerin beschäftigte sich dafür intensiv mit den Lebenswegen von Vorarlberger Künstlerinnen der Wendezeit ins 20. Jahrhundert (Paula Ludwig, Flora Bilgeri und weitere), für die „zur damaligen Zeit und im gerade ländlichen Raum vieles vorgegeben und vorbestimmt war“, so Lugmayr. „Wer damals seinen eigenen Weg gehen wollte, musste den Preis dafür bezahlen. Dieser war oft die soziale Ausgrenzung.“ Das Leben ist nun mal kein Ponyhof. Das galt damals, das gilt heute, morgen wird es nicht anders sein. Es lässt sich nicht immer kontrollieren, und Dinge schlicht geschehen zu lassen, ist einfacher gesagt als getan.

In ihrem Handwerk bedient die Künstlerin dieses Spannungsfeld geschickt, indem sie dem Zufall die Oberhand überlässt und Perfektion erst durch charmante Fehler entsteht. Lugmayr näht Wortreihen auf vorbepinseltes Textil, zeichnet mit der Nadel Gesichter nach, scheut sich aber auch nicht, Stücke ihres favorisierten Seidenpyjamas auszustellen. Stoff ist der Träger der Information, welche teils zerrissen, teils angedeutet und teils in Schönheit übertragen wird.

Performativ

Am Donnerstag, 14. April, wird die Nähmaschine ab 19 Uhr zum Instrument. Gemeinsam werden der Trompeter Alex Kranabetter und Bianca Lugmayr Töne wie Textil verweben, während Sarah Mistura für die gegen das Schaufenster projizierten Visuals verantwortlich zeichnen wird. Da darf man sich am Ende des Tages auch mal gehen lassen und nach bestem Wissen und Gewissen den Faden verlieren.

Künstlerin Bianca Lugmayer zeigt, was mit Textil alles möglich ist.
Künstlerin Bianca Lugmayer zeigt, was mit Textil alles möglich ist.

Die Ausstellung ist noch bis zum 14. April im Kollektiv-Raum, Maurachgasse 1, Bregenz, zu sehen. www.kollektiv-raum.org

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