Ganz und gar nicht nostalgisch: The Velvet Underground & Nico am Landestheater

Kultur / 16.04.2022 • 20:00 Uhr / 1 Minuten Lesezeit
"To All Tomorow's Parties" führt zur Kultmusikerin Nico, zu Andy Warhol, Lou Reed, Valerie Solanas etc.<span class="copyright"> LT/Köhler</span>
"To All Tomorow's Parties" führt zur Kultmusikerin Nico, zu Andy Warhol, Lou Reed, Valerie Solanas etc. LT/Köhler

Schauspielerinnen und Schauspieler sowie die Band holen bei der Uraufführung von “To All Tomorrow’s Parties” mehr raus als drinsteht.

Bregenz Ist es die Lebensgeschichte der deutschen Künstlerin Christa Päffgen, alias Nico (1938-1988), die schon gut im Geschäft war, als sie Andy Warhol auffiel, und die der von ihm unterstützten Band The Velvet Underground den ersten Erfolg bescherte? Ist es die Geschichte von ein paar jener Protagonisten, die in Warhols Factory agierten, in der nicht nur die mittlerweile millionenteuren Siebdrucke, sondern Konzeptkunst, Filme und Musik produziert wurden? Oder geht es um Nico, die das Modeln trotz hervorragender Verdienstmöglichkeiten nur noch nervte, die mit einiger Konsequenz eine Filmkarriere hätte starten können, deren Mechanismen sie sich aber nicht beugen wollte, und die Insidern zumindest als Pionierin von Punk, Gothic und Industrial bekannt ist?

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Die Fragen sind weitgehend mit Nein zu beantworten, weil im Projekt „To All Tomorrow’s Parties“, das das Vorarlberger Landestheater nach einem Song von Nico betitelte, von allem etwas steckt. Das kann in die Binsen gehen. Ein Publikum, das mittlerweile für Recherchen über die legendäre Factory gar nicht viel Zeit aufwenden muss und dem ausgezeichnete Dokumentationen wie „Nico – Icon“ von Susanne Ofteringer zur Verfügung stehen, in der auch Päffgens Sohn zu Wort kommt, den sein Alain Delon, nie anerkannte, erhält nämlich kaum zusätzliche Informationen. Doch Niklas Ritter, Autor des Stücktextes und Regisseur des Abends, wusste wohl, dass er sich auf vier Schauspielerinnen und einen Schauspieler mit jeweils viel Stimme, sowie auf eine Band, die sich erst gar nicht aufs Covern oder Kopieren verlegte, sondern dem eigenen Instinkt und Sound vertraut, verlassen kann.

Gesellschaftlicher Wandel

Was will das Stück bzw. dieses Musiktheater? Es ist sicher kein Tribute to Nico, das wäre zu einfach. Es zeigt einiges von der Tragik einer Frau, die sich der Überheblichkeit der Machos wie dem Mainstream zwar widersetzen konnte, aber den Drogenkonsum nicht in den Griff bekam. Es streift das Klima der Nachkriegstraumatisierung sowie eines Patriarchats, in dem Kindesmissbrauch noch nicht als Verbrechen geahndet wurde. Es streift auch den gesellschaftlichen Wandel in den 1960er- und 1970er-Jahren und lässt durchscheinen, dass die Bremser der Liberalisierung und Gleichberechtigung nicht nur dort saßen, wo Musik wie jene von The Velvet Underground auf Ablehnung stieß, sondern auch in den Musiker- und Fanreihen. Da hat es seine starken Momente, die weniger im Doku-Stil des Textes zum Tragen kommen, sondern in Lisa Huber, Ines Schiller, Vivienne Causemann, Katharina Uhland und Sebastian Schulze (die zudem jeweils verschiedene Figuren verkörpern) so exzellente wie subtile Botschafterinnen haben. Wie es ihnen gelingt, das Element des Schöpferischen zu thematisieren, während optisch der Drogenkonsum präsent bleibt, ist fulminant.

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Dass Auftritte von Nico, Andy Warhol, Lou Reed, Leonard Cohen, Valerie Solanas, Edie Sedgwick etc. nicht zum Nostalgie-Trip werden, liegt an ihnen und an den Musikern Marcel Girardelli, Martin Grabher, Andreas Paragioudakis, Oliver Rath und Yenisey Rodriguez.

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Die Ausstatterin Karoline Bierner tut viel dafür, dass die Effekte mit mitgefilmten Spielszenen, auf die etwa Frank Castorf schon in den 1990er-Jahren (an der Berliner Volksbühne und später in Zürich und Wien) bis zum Exzess setzte, immer noch wirken.

So viel Jubel wie bei der lauten Uraufführung gab es selten am Landestheater und es wäre vermessen, ihn dem jüngeren Publikum zuzuordnen.

Weitere Aufführungen vom 17. bis 29. April im Vorarlberger Landestheater.

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