Ein Flug ist nicht gleich ein Flug

Kultur / 22.04.2022 • 16:50 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
CooperJens EiselPiper220 Seiten

Cooper

Jens Eisel

Piper

220 Seiten

Menschen fliegen von A nach B. Sie kommen jedoch nicht immer bei B an. Dann wird es spannend.

Romane Seit jeher ist ein Flug eine Herausforderung für Film und Literatur. Vor allem, wenn er auf unerwartete Hindernisse stößt. Im Härtefall stimmt etwas mit den Insassen nicht, wie im Roman „Mogadischu“, der die Entführung der Landshut durch RAF-Terroristen behandelt, oder ganz anders in „Airport“ von Arthur Hailey, wo ein Schneesturm den Flughafen von Chicago lahmlegt. Jens Eisel versucht einen anderen Weg. Er wählt eine Flugzeugentführung im Spätherbst 1971 in den USA, bei der ein Vietnamveteran einen Passagierflug kapert, um mit dem Lösegeld ein neues Leben zu beginnen. Die Story entspringt einem Tatsachenbericht und hebt im Grunde gut ab. Attentäter Richard, der sich später als Dan Cooper ausgibt, Kapitän George und seine Crew, allen voran die Stewardess Kate, die als Kontaktperson zum Terroristen fungiert. Kurz kommen die sozialen Hintergründe zur Sprache, die Positionen sind also klar besetzt. Aber mit den Seiten kommt Sand ins Getriebe. Trotz detaillierter Szenen erreichen die Bilder nicht den Leser. Schlussendlich ist Literatur eine gelungene Anhäufung von Bildern: „9/11 Der Tag, an dem die Welt stehen blieb“ von Mitchell Zuckoff sei hier als gutes Beispiel genannt. Wäre zu übertauchen, wenn eine emotionelle Bindung zu den Darstellern zustande kommen würde.

Über 100 Flugzeugentführungen

Würde man das Buch in der Hälfte weglegen, könnte man als Leser sagen, okay, man kann sich für keine der beiden Seiten entscheiden, soll der Flug enden, wo er will. Aber schlussendlich entscheidet man sich für Kate: Sie entwickelt den Drang zu wissen, wie die Geschichte ausgeht. Daher läuft sie auch nicht weg, als sie Lösegeld und Fallschirme von der Landebahn abholt. Ein wenig ist sie ja auch vom Terroristen fasziniert. Ja, aber leider passiert jetzt wieder nichts weiter Dramatisches. Ich will jetzt hier nicht das Ende verraten, dem greift schon der innere Klappentext vor, also bitte nicht lesen – doch der Autor hätte hier auf Truman Capotes Perry in „Kaltblütig“ setzen sollen und aus Kate eine verwegene Person wie Perry zu machen, die sich auf die Geschichte einlässt und so ein aktiverer Teil der Handlung wird. Als Leser kann man hier durchaus sagen, die Chancen in „Cooper“ wurden vertan, auch auf den fiktiven Passagen gegen Ende, wo der Autor durchaus ein Konzept über das Leben oder besser gesagt über das Überleben spinnen hätte können. Hier könnte man bei der New York-Trilogie Paul Austers Inspirationen finden und dazu Sympathie und Antipathie aufbauen. Klingt einfach, ist aber verdammt schwer. So bleibt der Leser mit einigen relativ blassen Gestalten jedoch mit ein paar spannenden Fakten zurück: Dass es zum Beispiel allein in Präsident Nixons Amtszeit über hundert Flugzeugentführungen gegeben hat.

Der Fürst von Triest

Claudio Magris, ist mit „Gekrümmte Zeit in Krems“ zurück. Der Professor für Deutsche Literatur an der Universität Triest feiert mit kurzweiligen Erzählungen einen gelungenen Einstand. Eigentlich müsste man ihm schon größtes Lob dafür angedeihen lassen, dass er mit dem San Marco eines der schönsten Kaffeehäuser in Triest gerettet hat, jedoch streut er sozusagen noch einige kurze Erzählungen darüber, von denen eine wesentliche tatsächlich in Krems im Rahmen eines Kafka-Symposiums spielt. Die meisten Handlungen spielen in Triest. Aber wirklich? Zumindest erahnt man es. Zeiten und Handlungen gehen bei Magris ineinander über.

Gekrümmte Zeit in KremsClaudio MagrisHanser93 Seiten

Gekrümmte Zeit in Krems

Claudio Magris

Hanser

93 Seiten