Leichen im Keller und Drachen im Schrank

Kultur / 03.05.2022 • 20:16 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
„Das Rheingold“ spielt in Zürich dort, wo Wagner Teile der Oper schrieb, im bürgerlichten Wohntrakt. Oper/Rittershaus
„Das Rheingold“ spielt in Zürich dort, wo Wagner Teile der Oper schrieb, im bürgerlichten Wohntrakt. Oper/Rittershaus

Homoki, neuer Bregenzer Seebühnen­regisseur, verlegt Wagners „Rheingold“ ins Wohnzimmer.

Zürich Über die Wohnverhältnisse in Zürich hätte sich Richard Wagner nicht zu entrüsten brauchen, Gönner und eine Liebschaft beendeten Aufenthalte in „sonnenlosen Parterrestübchen“, beim Wechsel ins großbürgerliche Ambiente ging zwar seine erste Ehe flöten, aber in einem solchen begann er die Arbeit am Opernvierteiler „Der Ring des Nibelungen“. Den Vorabend mit Titel „Das Rheingold“ verlegen Andreas Homoki und sein Ausstatter Christian Schmidt aufgrund der Entstehungsgeschichte während Wagners Exilzeit in der Schweiz nun in ein weißgetäfertes Drehbühnenwohnzimmer: Betten ersetzen das Flussbett der Rheintöchter, die Burg Walhall ist Motiv eines Landschaftsgemäldes, in Alberichs Unterwelt geht es durch die Schranktür und während die Riesen als Alpöhis noch glaubhaft wirken, schleicht sich bei Wotan auch unfreiwillige Komik ein: biederer Hausrock und mannshoher, der Weltesche entrissener Speer, das erzeugt auch einen (wohl kalkulierten) Lacher. Den Mythen wollte Homoki aber ohnehin entsagen – das hat Zeit bis zum zweiten Teil mit der „Walküre“ – , auch der Kapitalismuskritik im Stück über die Gier nach dem Gold, die Opfer fordert. Dass er dieser an sich nicht entkommen kann, thematisiert er mit viel Augenzwinkern. Erzählen, nicht deuten, apostrophiert er konkret als Devise, wer es kann, liefert dem Publikum ein Wohlfühlambiente und greift höchst subtil in die Wunden. Dieses Team kann es – und wie.

Die Bourgeoisie übersieht die da unten, die den Wohlstand zu Tage fördern und zwischen Mann und Frau steht es noch lange nicht zum Besten. Dass trotz greller, zuweilen märchenhafter Bilder nichts plakativ erscheint, ist das Mirakel dieser Neuinszenierung von „Das Rheingold“ an der Oper Zürich. Dabei braucht es nicht einmal Bühnenzauber, denn die Verwandlung Alberichs in Drachen und Kröte ist hinter Schranktüren so einfach wie stringent gelöst, auch das Aufwiegen Freias mit Gold geht sich aus und am Schluss versammelt sich der Clan an der langen Tafel, die irgendwie einem Diktatorenkonferenztisch gleicht, den wir zuletzt oft gesehen haben.

Spitzeninterpret

Was optisch auch subjektive Betrachterdeutung ist, lässt sich akustisch belegen. Matthias Klink (Loge) hat jüngst auch in Stuttgart gezeigt, dass er ein Spitzeninterpret der Partie ist, auf das Konto von Christopher Purves (Alberich) und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Mime) gehen die weiteren Glanzpunkte, Tomasz Koniecznys dunkle Wotan-Färbung wirkt stimmig wie die Partien von Fricka (Patricia Bardon) und Freia (Kiandra Howarth). Dirigent Gianandrea Noseda liefert mit der Philharmonie Zürich trotz schwieriger Verhältnisse ein kompaktes Gemälde und gibt dabei den Stimmen wunderbar Raum.

Matthias Klink (Loge) mit dem zum Drachen verwandelten Alberich.
Matthias Klink (Loge) mit dem zum Drachen verwandelten Alberich.

Nächster Termin “Das Rheingold”, 7. Mai, Zürich: opernhaus.ch; Premiere von Homokis “Butterfly”-Regie in Bregenz am 20. Juli.