Vom Pfarrer, der sein Amt aufgab

Kultur / 04.05.2022 • 19:59 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Gabi Wantke ist Bikerin und erzählt auch vom abenteuerlichen Berufsleben.
Gabi Wantke ist Bikerin und erzählt auch vom abenteuerlichen Berufsleben.

In der grandiosen Kosmos-Produktion treten auch Vorarlberger mit ihren Biografien auf.

Bregenz Es ist nahezu zehn Jahre her, dass Ronald Waibel, Pfarrer in Dornbirn-Haselstauden und zuvor über 20 Jahre lang in anderen Orten, darunter Egg, sein Amt niederlegte. Der Grund war nicht jener, der öfter vorkommt, nämlich eine Freundin, mit der ein Seelsorger ohne Heimlichkeit zusammenleben will, Ronald Waibel wollte zwar Katholik sein, aber nicht mehr Repräsentant einer römischen Amtskirche, die, wie er schon damals bemerkte, nicht der Botschaft Jesu entspricht, und die selbst ein Gespräch mit der Pfarrerinitiative verweigerte. „Ich habe die richtige Entscheidung getroffen“, fügt er heute hinzu. Seelsorger ist er geblieben, er ist nun Bewohnerinnen- und Bewohnerbetreuer im Sozialzentrum Egg.

Ronald Waibel ist Mitwirkender der Produktion „Don Quijote – ein Stück (weg) von der Wahrheit“, die im Bregenzer Theater Kosmos uraufgeführt wurde. Der deutsche Autor und Regisseur Philip Jenkins machte sich gemeinsam mit dem Kosmos-Team auf die Suche nach Menschen in Vorarlberg, in deren Biografien sich Aspekte aus der Don Quijote-Figur widerspiegeln. Dabei lag der Fokus auf der Frage, was man ist oder eben nicht mehr ist.

Authentizität

Das Ergebnis ist einer der tiefgreifendsten, emotional berührendsten und dabei auch vom philosophischen Gehalt her intelligentesten Theaterabende seit Langem. So viel Authentizität – sowohl in der Rollengestaltung der Schauspieler des Sancho Pansa, der Dulcinea und des Erzählers, als auch in den Auftritten der Bühnenamateure mit ihren Biografien – ist selten erlebbar. Zu dieser Ehrlichkeit, die das zentrale Thema dieser Arbeit ist, gehört es auch, die Kluft zwischen den Vorträgen des erwähnten ehemaligen Pfarrers, eines sensiblen Mittelschullehrers, der beiden vor der Berufsentscheidung stehenden Schülerinnen und einer energiegeladenen Bikerin so zuzulassen, wie sie sich jedes Mal eben ergibt. Alles andere wäre Fake, und diesen zwar nicht plakativ, sondern feinsinnig zu entlarven, darum geht es letztendlich. Die Wandlung, die Don Quijote als durchaus auch aggressive Figur von Miguel de Cervantes bis hin zum gütigen Mann von La Mancha im Laufe der Rezeptionsgeschichte unternahm, sollte gespiegelt werden. Philip Jenkins, der Erfahrungen aus der Arbeit mit der Gruppe Rimini Protokoll mitbringt, erweitert im Hinblick auf neue Perspektiven der Wahrheit die Mittel des Theaters, tut dies mit großem Respekt vor jenen, die wahrscheinlich zum ersten Mal auf einem solchen Podium stehen, und wiederum ungemein lustvoll, wenn es darum geht, Sabine Lorenz und Hubert Dragaschnig als Dulcinea und Sancho Pansa ein vielschichtiges und furios freches Spiel um Wahrheit und Verstellung zu entlocken. Der Musiker George Nussbaumer legt einen feinen Sound darüber und offenbart als Erzähler auch kleine geheime Sehnsüchte.

Was Theater kann

Sabine Ebner hat die Bühne mit Bildmotiven ausgestattet, die im Lichtdesign von Stefan Pfeistlinger strahlen und uns träumen, schmunzeln und erkennen lassen. Erlebt die Lady Bikerin Gabi Wantke ihre Ausflüge – ein kleines Pendant zu den einstigen Ritterabenteuern zu Pferde – als Ausgleich zu den Ungerechtigkeiten der Arbeitswelt? Wie recht hat doch Walter Gohli, wenn er sich als Mittelschullehrer auch als Sozialarbeiter sieht. Und wie zeigt sich die Entwicklung der Identität für heutige Jugendliche (Reyhan Cicin und Lea Klimmer), wenn ihnen die sozialen Medien mannigfaltige Möglichkeiten eröffnen?

Was kann Theater heute? Auch diese große Frage schwingt mit. Mit „Don Quijote – ein Stück (weg) von der Wahrheit“ verlässt das Theater Kosmos den Bereich der Fiktion, vertraut dabei aber auf die Kraft von Kunst und Theater, der man sich – wie auch der Applaus zeigt – gar nicht entziehen will.

Walter Gohli ist als Mittelschullehrer auch Sozialarbeiter.
Walter Gohli ist als Mittelschullehrer auch Sozialarbeiter.
Die beiden vor der Berufsentscheidung stehenden Schülerinnen Lea Klimmer und Reyhan Cicin mit dem Musiker George Nussbaumer.vN/Hartinger
Die beiden vor der Berufsentscheidung stehenden Schülerinnen Lea Klimmer und Reyhan Cicin mit dem Musiker George Nussbaumer.vN/Hartinger
Sabine Lorenz und Hubert Dragaschnig in „Don Quijote - ein Stück (weg) von der Wahrheit“. vn/Hartinger
Sabine Lorenz und Hubert Dragaschnig in „Don Quijote – ein Stück (weg) von der Wahrheit“. vn/Hartinger
Ronald Waibel erzählt, warum er sein Amt als Pfarrer zurücklegte.

Ronald Waibel erzählt, warum er sein Amt als Pfarrer zurücklegte.

Weitere Aufführungen des Stücks vom 7. bis 28. Mai im Theater Kosmos in Bregenz.