Zwischen Musik, Natur und sozialem Engagement

Kultur / 10.05.2022 • 11:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Christian Lebar stellt sich zum Ausgleich gerne weiteren Herausforderungen. <span class="copyright">Victor Roman Marin </span>
Christian Lebar stellt sich zum Ausgleich gerne weiteren Herausforderungen. Victor Roman Marin

Organist, Cembalist und Musikpädagoge Christian Lebar war auch in der Obdachlosen- und Flüchtlingshilfe, im Gemüsebau und als Yogalehrer tätig.

BATSCHUNS Er ist studierter Musiker und Pädagoge und diese Berufe erfüllen ihn. Doch Christian Lebar ist einer, der sich zum Ausgleich auch gerne weiteren Herausforderungen stellt: im sozialen Engagement, naturnah, mit der philosophischen Yogalehre, bei den Menschen mit ihren vielfältigen Problemen.

Welche Aufgaben haben Sie als praktizierender Organist im liturgischen Bereich zu erfüllen?

Nehmen wir Ostern als Beispiel. Heuer war wieder „Business as usual“ mit Proben und drei unterschiedlichen Messen am Sonntag. Der Gegensatz zu den letzten zwei Osterfesten könnte nicht größer sein: Man musizierte in Kleinstbesetzung, vor zwei Jahren feierten wir als Familie allein mit einem Osterfeuer im Morgengrauen. Heuer wurde wieder deutlich, welchen Reichtum die Musik in der Kirche entfalten kann, wenn Chor und Gemeinde, Kantoren, Orchester und Orgel ineinandergreifen und zusammen ein großes Ganzes entstehen lassen.

<span class="copyright">Stefanie Momo Beck</span>
Stefanie Momo Beck

Ist das für Sie ein Dienst, so wie ein anderer ins Büro geht, oder spielt auch Ihr persönlicher Glaube mit?

Musik und Glaube hängt für mich zusammen: Über die Jahrtausende erfahren Menschen die Tiefe ihrer Existenz, ihre spirituelle Dimension in vielfältiger Weise, ganz stark aber im Klang. Tiefe Erfahrungen wiederum drücken sich immer wieder in Kunst aus. Für mich ist Musik, wenn Sie so wollen, „ein Fenster in die Ewigkeit“ – aber auch das Büro kann so ein Ort sein.

Organisten sind gefragte Leute, da wird es an Anfragen nicht mangeln?

Es ist wie in jedem Beruf: Ist es „g’hörig“, sind Sie ein gefragter Mann, eine gefragte Frau. Sind die Besucher eines Konzertes, einer Sonntagsmesse, Beerdigung etc. berührt von der Musik, werden sie von ihr hineingezogen in das Geschehen, dann bin auch ich zufrieden.

Warum, glauben Sie, gibt es zu wenige Organisten im Land?

Ich glaube gar nicht, dass es zu wenige gibt. Es ist halt ein Ehrenamt, gewünschte Kontinuität fehlt dann oft.

Wie viele kommen zu Ihnen in den Unterricht, wann ist man bereit für die Praxis der Messgestaltung?

Ich habe zwölf Schülerinnen und Schüler zwischen 11 und 70. Besonders Kinder sind fasziniert von Klang und Wirkung des Instruments. Der Einsatz im Gottesdienst kommt dann schon, Schritt für Schritt: ein kleines Zwischenspiel hier, der erste Gemeindechoral da. Für das Begleiten eines ganzen Gottesdienstes braucht es Sicherheit am Instrument, Übersicht, Spontanität, Nervenstärke, Gespür – das alles entwickelt sich erst über Jahre.

<span class="copyright">Hugo Victor Marin </span>
Hugo Victor Marin

In Ihrer Jugend haben Sie prägende Eindrücke in der Wiener Ruprechtskirche erfahren.

Definitiv. Menschen um den Studentenseelsorger Joop Roland haben sich Gedanken gemacht, was Liturgie „heutiger“ macht, näher dran am eigenen Leben. Daraus ist in der ältesten Kirche Wiens die Gemeinde St. Ruprecht entstanden, mit aktuellen, lebensnahen Themen, einer Sprache, die nicht in Formeln steckenbleibt, eigenem Liedgut, wöchentlichem Chor, Musikimprovisation, das Geschehen begleitend, mit „klingender Schönheit einhüllend“. Es gibt viel zu wenig solcher Orte in der katholischen Kirche.

Sie waren am Ende ihres Studiums ein universitär ausgebildeter Musiker. Was hat Sie dann veranlasst, nebenbei auch einem sozialen Engagement nachzukommen?

Aufgewachsen in der Industriestadt Steyr habe ich ihre Krisen mitbekommen, Kündigungen, Misswirtschaft – aber auch den Stolz der Arbeiterkultur und die Haltung, sich umeinander zu kümmern. Mit meinen „Ausflügen“ ins Soziale wollte ich etwas zurückgeben von dem vielen Guten, das mir widerfahren ist.

Wie war das mit dem Gemüseanbau?

Ich konnte bei Verwandten meiner Frau in deren Bio-Landwirtschaft arbeiten. Es wurde eine ganze Saison daraus zwischen Ochsenherztomaten und Buschbohnen, der Schönheit der Natur im morgendlichen Feld, schrundigen Händen und Kreuzweh.

Eine besondere Richtung ist Ihre Neigung zur Yogalehre, die Sie während eines Aufenthalts in Südafrika vertieft haben. Wie kam das?

Südafrika war ein Trittstein von mehreren. Ist ein Schüler, sagt man, ehrlich auf der Suche, so kommt der Lehrer zu ihm. Das ist eine Wahrheit, die ich in der Yogaausbildung erfahren habe und die auch meine musikalische Ausbildung begleitet hat.

Lassen sich geistige Verbindungslinien knüpfen zwischen Yoga und Musik?

Die Verbindung ist zuallererst ganz handfest: Ein gesunder Körper bildet die beste Voraussetzung für gutes Musizieren. Darüber hinaus stärken Übungen die Konzentrationsfähigkeit, die mentale Stärke. Für Berufsmusiker ist ein Ausgleich zu den körperlichen und nervlichen Belastungen unumgänglich; ob ich jetzt auf der Yogamatte übe oder in die Pedale trete, das findet jeder selbst.

Was ist Ihr bevorzugtes Repertoire, wo kann man Sie derzeit hören?

Ich liebe die französische Musik des Barock, Olivier Messiaen hat es mir auch sehr angetan. Und Improvisieren im Gottesdienst, das macht mich glücklich! Meine Frau ist ein wundervolles musikalisches Gegenüber für mich. Für den Sommer planen wir die Kapellen in unserem Dorf zu bespielen. Spannende, intime Orte, das Cembalo hat hier um Haaresbreite Platz!

Gibt es im Hause Lebar-Kopf auch Hausmusik zusammen mit den Töchtern?

Die beiden (elf und 13) haben ihren eigenen Kopf, wir haben keine Hausmusik daheim. Sie lernen Fagott und Gitarre, singen begeistert im Schulchor, tanzen. Musik ist allgegenwärtig in unserer Familie und in ihrem Leben und das bereichert sie – was wünscht man sich mehr?

FRITZ JURMANN

26. Juni, 20 Uhr, Kirche Batschuns – Angelika Kopf-Lebar, Sopran, Christian Lebar, Orgel.