Aufgeblasenheit der Männer nicht imitieren

Kultur / 23.05.2022 • 20:45 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Autorin Hildegard E. Keller lehrt in Zürich. TaS/Ayse Yavas
Autorin Hildegard E. Keller lehrt in Zürich. TaS/Ayse Yavas

Hildegard E. Keller hat zur in der Schweiz geborenen argentinischen Autorin Alfonsina Storni (1892-1938) geforscht.

Feldkirch Im Rahmen der Bregenzer Festspiele war Alfonsina Storni – vermittelt von Christiane Boesiger – bereits einmal Thema. Die Schweizer Literaturwissenschaftlerin Hildegard E. Keller hat das Leben und Werk der Autorin und Feministin erforscht und ist demnächst am Feldkircher Theater am Saumarkt zu Gast.

 

Sie machen Performances, Filme und haben ihren Roman «Was wir scheinen» veröffentlicht. Auch als Universitätsprofessorin war Ihnen Literaturvermittlung stets ein großes Anliegen. Muss sie unterhaltsamer werden?

Keller Literatur lebt von der Begegnung zwischen Figuren (zwischen zwei Buchdeckeln) und Menschen, die sie erschaffen und die sie als Lesende kennenlernen. Langeweile und vor allem Lebloses haben hier nichts zu suchen. Man täte den Figuren und den Menschen einen Bärendienst.

 

Sie hatten Professuren in den USA und der Schweiz, lehren aktuell an der Universität Zürich Studierende „multimediales Storytelling“. Was darf man sich darunter vorstellen?

Keller Wir erzählen Geschichten, so gut und schön es nur geht. Auf der Plattform zurichstories.org gebe ich den Studierenden die Chance, ein historisches Thema so richtig durchzukneten und die dabei gewonnenen Einsichten ansprechend zu gestalten, das heißt: für alle Sinne, mit Wort, Bild, Ton und Video, also auch verständlich.

 

15 Jahre lang haben Sie zur argentinischen Autorin Alfonsina Storni (1892-1938) geforscht, die Sie zu den wichtigsten Frauenstimmen des 20. Jahrhunderts zählen. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Keller Es hat mich verändert. Wer sich auf Alfonsina Storni und ihr Werk einlässt, muss das in Kauf nehmen, sie lässt einen nicht in Ruhe, sie will, dass man aufbricht zu neuen Horizonten. Das wollte sie schon damals, in ihrer Zeit, und sie wirkt heute noch durch ihre Texte. Ich bin heute eine andere als ums Jahr 2000, als ich zum ersten Mal von ihr hörte, und auch eine andere als 2009, als ich ihr Leben zu erforschen, ihr Werk zu übersetzen und ihre Geschichte zu erzählen begann.

 

Die in der Schweiz geborene Alfonsina Storni erhielt den argentinischen Nationalpreis für Literatur, in der Schweiz kannte bis zu Ihrem Engagement für sie kaum jemand ihren Namen. Was haben Sie unternommen, um diesen Missstand zu beenden?

Keller Es stimmt, was Sie sagen. Wenn jemand in der lateinamerikanischen Welt Alfonsina sagt, muss man nicht einmal Storni sagen. Die Leute kennen sie sofort. Das könnte man von Max oder Friedrich nicht behaupten, ohne Frisch oder Dürrenmatt ginge es nicht. Der Mythos von Alfonsina besteht also zunächst in der Präsenz des Vornamens, die sich in den späten 1960er Jahren gefestigt hat, als das Lied «Alfonsina y el Mar» komponiert wurde und in die Welt hinausging. Es besingt Stornis Selbstmord in tragischen Tönen. Wenn ich aber hierzulande den Namen Alfonsina Storni nenne, ist die Reaktion immer dieselbe: «Alfonsina Wer? Nie gehört!» Im Tessin, wo sie herstammte, kennt man ihren Namen und einige Gedichte. Stornis Werk aber ist unbekannt geblieben. In den letzten zwei Jahren habe ich vier Bände übersetzt und herausgegeben: Prosa und Theater. Jetzt schreiben mir Leserinnen: «Das ist ja eine ganz andere Alfonsina, als die, die ich bislang kannte.»

 

Alfonsia Storni lebte offenbar für ihre Zeit ein sehr selbstbestimmtes Leben, arbeitete als Journalistin, Lehrerin und Theaterfrau in Buenos Aires und zog ein Kind groß. Verstand sie sich denn als Feministin?

Keller Ja, zumindest eine Zeitlang auch als explizite Feministin – damals ein Schimpfwort. Im Grund ihres Herzens aber war sie Humanistin und trat für die Gleichberechtigung aller, ungeachtet von Geschlecht, Hautfarbe, Religion, sozialer Klasse ein. Unter den ersten Feministinnen und Anarchistinnen stand sie dafür ein, dass das Geschlecht ganz grundsätzlich politisch, sozial, künstlerisch keine Rolle spielen dürfe. Für sie war das 20. Jahrhundert eine Verpflichtung, mit überkommenen Traditionen zu brechen, um Authentizität und Individualität zu gewinnen. Wenn sich keiner mehr verstellen muss, um irgendeinen Vorteil zu ergattern, kann jeder sein, wie er ist. Sie war nicht blind und sah auch «parfümierte Feministinnen», die nur die Aufgeblasenheit der Männerwelt imitierten.

 

Hat sie ihr Geschlecht bzw. die damit verbundene Rolle in der Gesellschaft als einschränkend empfunden?

Keller Auf jeden Fall. Ich könnte Ihnen viele Beispiele geben. Einmal, als sie einem Politiker, dem Unrecht geschehen war, ihre Solidarität bekundete, schrieb sie sinngemäß: Wissen Sie, in Momenten wie diesem hat meine Seele kein Geschlecht. Sie hasste es, nicht als Mensch, der Kunst machte, gesehen zu werden, sondern als Frau, die im Käfig der kleinen Verse hätte bleiben müssen.

 

Was sehen Sie als besondere Qualitäten in Stornis Werk?

Keller Ich glaube, dass Alfonsina Stornis Experimentieren mit Formen, Inhalten und Emotionen einen auch an die eigene Vielfalt erinnert. Das macht Mut. Nicht ohne Grund gehört Alfonsina Storni zum Kanon der großen Autorinnen der spanischsprachigen Welt vor dem Zweiten Weltkrieg und gilt als Wegbereiterin der modernen lateinamerikanischen Frauenliteratur. Von Lesenden bekomme ich häufig Feedbacks, dass sie sich durch ihre Texte inspiriert fühlen. Sab

Alfonsina Storni stammt aus der Schweiz und lebte in Argentinien.
Alfonsina Storni stammt aus der Schweiz und lebte in Argentinien.

Feldkirch, Saumarkt, 29. Mai, 10.30 Uhr, Hildegard E. Keller präsentiert Alfonsina Storni.