Die unbedankte Nothelferin

Kultur / 24.06.2022 • 13:59 Uhr / 12 Minuten Lesezeit
Nach mühsamen Auseinandersetzungen mit der Kürschnergenossenschaft durfte Frau Lewenhak das „kleine Gewerbe“ ausüben. Hier ein Inserat in der Landeszeitung vom Oktober 1926.
Nach mühsamen Auseinandersetzungen mit der Kürschnergenossenschaft durfte Frau Lewenhak das „kleine Gewerbe“ ausüben. Hier ein Inserat in der Landeszeitung vom Oktober 1926.

Viele tüchtige Frauen haben während des Ersten Weltkriegs notgedrungen als männlich geltende Aufgaben und Arbeiten übernommen und diese auch gemeistert. Ohne den umfassenden Einsatz der Frauen weit über die unmittelbare Hauswirtschaft hinaus wäre eine mehrjährige Kriegsführung nicht möglich gewesen. Nach ihrer Rückkehr aus dem Krieg wollten die Männer die Frauen wieder auf ihren angeblich angestammten Plätzen sehen. Zahlreiche Frauen, die während des Krieges verantwortungsvolle öffentliche oder berufliche Tätigkeiten ausgeübt hatten, mussten nun erkennen, dass eine Fortführung unerwünscht war und der Dank der Männerwelt und des Vaterlandes sich in engen Grenzen hielt. Das Beispiel der Krankenschwester Agathe Fessler aus Bregenz steht für zahlreiche ähnliche Schicksale. Sie hatte vier Jahre lang an vorderster Front in Lazaretten bis zur Erschöpfung gedient. Als sie nach dem Krieg eine selbständige Existenz mit einer Volksküche aufbauen wollte, hatte sie die Rechnung ohne die Bregenzer Wirte und die Behörden gemacht. Schließlich verließ sie ihre Heimat Richtung Amerika.

Kaum besser erging es Anna Lewenhak. Mit ihrem Gatten Dr. Martin Lewenhak war sie aus Wien 1899 nach Hard gekommen. Dieser hatte hier eine Stelle als Betriebsarzt bei der Firma Jenny angetreten. Obwohl von Beginn an vom katholischen Volksblatt mit antisemitischen Anwürfen konfrontiert, erwarb sich das Ärztepaar Ansehen im Dorf. Nach wenigen Jahren wurde Dr. Lewenhak die Stelle eines Gemeindearztes angetragen und seiner Familie das Heimatrecht zuerkannt. Die Frau Doktor erwies sich als kompetente Assistenz in der Praxis, als hilfreiche Sozialarbeiterin und Trösterin. Für junge Mütter und deren kranke Kinder und die zahlreichen italienischsprachigen Arbeiterinnen fand sie Worte der Aufmunterung und nützliche Ratschläge. Sie selbst hatte 1900 und 1902 einen Sohn und eine Tochter geboren, die auf die Namen Egon beziehungsweise Gerta getauft wurden. Als Taufpatin firmierte beide Male ihre Schwester Sophie, die mit dem Bregenzer Arzt Ignaz Mazer verheiratet war.

Vor ihrer Verheiratung hatten die beiden Schwestern Rabner geheißen. Ihr Vater Markus Rabner arbeitete als Prokurist einer Holzverarbeitungsfirma; zuerst in Lemberg, wo Anna Rabner-Lewenhak am 15. Mai 1873 geboren wurde, dann in der Niederlassung im schlesischen Teschen (heute polnisch: Cieszyn) und schließlich in Wien. Hier traten die beiden Schwestern aus der jüdischen Kultusgemeinschaft aus und in die katholische Kirche ein. Für ein erhofftes Leben mit weniger Zurücksetzungen und Anfeindungen nahmen sie wie viele andere Glaubensgenossinnen eine, wie sie meinten, letzte Demütigung in Kauf. Jüdinnen und Juden, die zum Katholizismus übertreten wollten, mussten einen besonders verletzenden Abschwörungseid mit den Worten „ich verabscheue die jüdische Perfidie und weise den hebräischen Aberglauben zurück“, leisten.

Gleich nach Beginn ihres Zuzugs nach Hard hatte sich die Arztgattin zu bewähren. Eine junge Arbeiterin, die – eben erst aus dem Trentino gekommen – geriet in der Jenny-Fabrik mit ihren Haaren in eine Maschine. „Dabei wurde ihr die Kopfhaut“, so der Unfallbericht, „von der Nase angefangen samt einem Ohr gleich einer Perücke abgerissen und blieb nur noch an der Nackenpartie hängen.“ In einer mehrstündigen Operation gelang es Dr. Lewenhak mit Assistenz seiner Frau, die Kopfhaut wieder anzunähen und das Leben der Unglücklichen, „deren Klagelaute weit in die Nachbarschaft gehört wurden“, zu retten.

Viele österreichische Jüdinnen und Juden zeigten dem Kaiser gegenüber eine besonders loyale Haltung, weil sie ihm die rechtliche Gleichstellung verdankten. So fuhr Anna Lewenhak 1908 nach Wien zum 60-jährigen Thronjubiläum des alten Monarchen. Deshalb war es für sie auch selbstverständlich, mit Kriegsbeginn freiwillig patriotische Pflichten zu übernehmen. Dr. Lewenhak, obwohl nicht mehr frontdienstpflichtig, übernahm die chirurgische Abteilung des Bregenzer Militärspitals und wirkte ab 1916 in Spitälern an der Südtiroler Front. Anna Lewenhak organisierte, so wie ihre Schwester in Bregenz, mit anderen Harder Frauen ein Damenhilfskomitee. In zahlreichen Arbeitsstunden nähten und strickten die Frauen für die Bedürfnisse der Frontsoldaten. Im Sommer 1915 organisierte sie ein Wohltätigkeitskonzert, das eine erhebliche Spendensumme für die Witwen und Waisen gefallener Soldaten einbrachte.

Als ihr Mann an die Front ging, verließ auch sie Heimat, Familie und Nähstube, um sich ganz dem Pflegedienst an den verwundeten, kranken und erschütterten Soldaten zu widmen. Sie tat das mit einer solchen Hingabe, Energie und Kompetenz, dass sie als erste und einzige Frau zur Leiterin von zwei Feldhilfsstationen in den Südtiroler Bergen bestellt wurde. Mit schier unerschöpflicher Kraft pendelte sie zwischen den beiden Marodenhäusern, die zwölf Kilometer voneinander entfernt lagen. Half, organisierte und tröstete wo immer möglich. Ihren Monatslohn als Oberschwester überließ sie dem Roten Kreuz. An der gesamten Südfront gab es keine weitere Frau, die eine ähnliche Position einnahm. Als Anerkennung erhielt sie das Goldene Verdienstkreuz mit der Krone und das Ehrenzeichen 2. Klasse mit der Kriegsdekoration.

Ihre Stärke war auch nach dem Krieg gefragt, eine Erschöpfung konnte sie sich angesichts der kriegskranken Männer nicht leisten. Ihr Gatte war an Körper und Seele leidend aus dem Elend der Lazarette zurückgekehrt und verstarb zu Weihnachten 1918. Ihr Sohn, der von der Schulbank weg noch in die Schlacht geworfen wurde, lag mit einer schweren Lungenentzündung in einem Tiroler Spital.

Das Kriegselend hatte sie mit Aktivität bekämpft, nach dem Krieg wurde sie zur Untätigkeit gezwungen. Nun begann „meine Leidenszeit“, stellte sie in einer amtlichen Eingabe fest. Da sie mit ihrer Witwenpension kaum die Miete zahlen konnte, suchte sie nach Verdienstmöglichkeiten. Solche aber waren mit laufenden Behinderungen und Anzeigen durch Professionisten nahezu verunmöglicht. Als sie auf Bitten des Harder Pfarrers einen Nähkurs für den katholischen Frauenverein abhielt, intervenierte ein Schneidermeister. In dieser Situation fasste die Arztwitwe all ihren Mut zusammen und hinterlegte im Sommer 1924 einen Bittbrief bei Bundeskanzler Ignaz Seipel, der zu dieser Zeit in der Mehrerau einen Erholungsurlaub zwischen den Genfer Verhandlungen verbrachte.

„Ich war nun gezwungen zu verdienen,“ schilderte sie dem hohen Gast ihre Nachkriegssituation. „In Österreich durfte ich keinen Beruf ergreifen, weil ich kein Gewerberecht hatte. Ich ging nun durch 2 Jahre täglich um 5 h morgens in die nahe Schweiz zum Nähen, wo ich in einem kleinen Geschäft für Taglohn arbeitete. Dann versuchte ich es auch mit Pelznähen und brachte es zu einer Fertigkeit, die mir einen guten Ruf schaffte. Sogar ein Diplom I. Klasse wurde mir in Rorschach und eine Geschäftsniederlassung in St. Margrethen verliehen. Aber das alles konnte ich nur im Ausland erreichen, nicht im eigenen Vaterlande, für das mein seliger Mann sein Leben lassen musste. Stündlich muss ich aber gewärtig sein, dass mir die Schweizer Geschäftsniederlassung entzogen wird, sobald eine gebürtige Schweizerin über meine Konkurrenz klagt und dann stehe ich ohne Verdienstmöglichkeit da.“ Der Kanzler wies nun über das Sozialministerium die BH Bregenz an, Frau Lewenhak aufgrund ihrer Verdienste und ihres Könnens eine Gewerbeberechtigung zu erteilen. Die um ein Gutachten angefragte Genossenschaft der Schneider und Kürschner lehnte eine solche Ausnahme nicht nur ab, sondern warf der Bewerberin vor, es gebe Klagen über die Qualität ihrer Arbeit. Auf die behördliche Nachfrage um Konkretisierung dieser Unterstellung, konnten die Genossenschafter keinen Beleg vorbringen. So wurde Frau Lewenhak von der BH eine sogenannte kleine Gewerbeberechtigung für Pelzarbeiten ausgestellt; das hieß, sie durfte niemanden beschäftigen. Zuerst in Hard, dann in Bregenz und schließlich in Rorschach versuchte sie sich und ihre Familie mit einem Textilhandel und Kürschnerarbeiten mehr schlecht als recht über Wasser zu halten. Als ihre Tochter 1928 einen Bankbeamten aus Czernowitz heiratete, verlor Anna Lewenhak ihre Gehilfin. Sie verkaufte daraufhin ihre wenigen Habseligkeiten, ganz zum Schluss auch das Klavier, auf dem ihr Sohn bei verschiedenen Veranstaltungen geglänzt hatte, und folgte ihrer Tochter nach Czernowitz. Der bittere Abschied sollte ihr schließlich das Leben retten.

Im Sommer 1941 traf das erste Sonderkommando der SS in der Bukowina ein und übernahm an Stelle der verbündeten rumänischen Armee „ordnungspolitische Aufgaben“. Das bedeutete, die nazideutsche Einheit begann mit der Liquidierung der jüdischen Bevölkerung. Nachdem dieses Mordkommando, in dem sich auch zwei SS-Männer aus Bregenz befanden, 300 Mitglieder erschossen und deren Häuser geplündert hatte, überantwortete man den restlichen Teil der jüdischen Bevölkerung von Czernowitz dem rumänischen Militär. Wer Verwandte in Rumänien hatte, durfte dort Unterkunft nehmen, die übrigen Jüdinnen und Juden wurden in Lager deportiert. Zu der Zeit, in welcher ihre Bregenzer Schwester Sophie und deren Tochter Elsa in Vernichtungslagern umgebracht wurden, fanden Lewenhaks Unterschlupf und Rettung in einem deutschsprachigen Dorf in Siebenbürgen. Sie waren dort einigermaßen geschützt, weil Tochter Greta mittlerweile mit einem rumänischen Offizier verheiratet war. Ihr erster Mann hatte sich in der Hoffnung auf eine Karriere bei der deutschen Besatzung von seiner jüdischen Gattin scheiden lassen. Der nazideutschen Mitverwaltung in Rumänien war Frau Lewenhak aber noch eine Amtshandlung wert. Jene Pfarre in St. Pölten, in der Martin und Anna Lewenhak 1899 getraut worden waren, wurde angewiesen, den Namen Anna im Trauungsbuch durch „Sara“ zu ersetzen. Der niederösterreichische Pfarrer folgte dieser Order aus Rumänien.

Anna Rabner-Lewenhak, die 30 Jahre in Hard gelebt, ein wenig städtisches Flair ins Industriedorf gebracht, wohltätig, tatkräftig und kundig gewirkt sowie im Krieg Übermenschliches geleistet hatte, blieben schließlich nochmals 30 mehr und weniger aufregende Jahre im nazihörigen und dann kommunistischen Rumänien. Sie verstarb am 4. April 1959 im siebenbürgischen Wolkendorf. Wie sich die freisinnige und engagierte Österreicherin im Ceauşescu-Regime zurechtfand, bleibt dahingestellt.

Die Unterschrift auf einer amtlichen Eingabe bildet die einzige authentische Spur, die Anna Rabner-Lewenhak in Vorarlberg hinterlassen hat.
Die Unterschrift auf einer amtlichen Eingabe bildet die einzige authentische Spur, die Anna Rabner-Lewenhak in Vorarlberg hinterlassen hat.
Der Vater von Anna Rabner-Lewenhak liegt auf dem Wiener Zentralfriedhof begraben.
Der Vater von Anna Rabner-Lewenhak liegt auf dem Wiener Zentralfriedhof begraben.
Pflichtgemäß übernahm der katholische Pfarrer von St. Pölten die nationalsozialistische Meldung aus dem rumänischen Sibiu (Hermannstadt), dass Anna Lewenhak aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nun als „Sara“ zu bezeichnen sei.
Pflichtgemäß übernahm der katholische Pfarrer von St. Pölten die nationalsozialistische Meldung aus dem rumänischen Sibiu (Hermannstadt), dass Anna Lewenhak aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nun als „Sara“ zu bezeichnen sei.
Den letzten Abschnitt ihres bewegten Lebens verbrachte Anna Lewenhak im siebenbürgischen Wolkendorf.
Den letzten Abschnitt ihres bewegten Lebens verbrachte Anna Lewenhak im siebenbürgischen Wolkendorf.