Zerstörerisches ­Beziehungsgeflecht

Kultur / 02.09.2022 • 16:47 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Vier Tage, drei Nächte,Norbert Gstrein,Hanser Verlag, 352 Seiten

Vier Tage, drei Nächte,

Norbert Gstrein,

Hanser Verlag, 352 Seiten

Norbert Gstreins neuer Roman „Vier Tage, drei Nächte“ ist erschienen.

Neuerscheinung Norbert Gstreins­ neuer Roman „Vier Tage, drei Nächte“ erzählt von den Geschwistern Ines und Elias sowie von deren Freund Carl. Die Situation ist spannungsgeladen, denn die Beziehung zwischen den Geschwistern ist fast inzestuös, außerdem wird Ines von einem Ex-Lover gestalkt, der immer wieder anruft oder mit dem Auto vor dem Haus steht.

Zwischenmenschlichkeiten

Aber auch Carl und Elias verbindet ein loses, aber sehr leidenschaftliches Techtelmechtel. Als sich die drei nach Weihnachten in einer Berliner Airbnb in den Lockdown begeben müssen, wollen sie sich durch Geschichtenerzählen die Zeit vertreiben. Das Thema steht schnell fest: Um die Liebe soll es gehen und über die ersten Erfahrungen mit Begehren und Begehrt-Werden. Dabei lässt der Autor jede seiner Figuren in einem eigenen Kapitel erzählen. Bei Carl, geschrieben in englischer Sprache, erfährt der Leser, dass es sich beim amerikanischen Flugbegleiter um einen Schwarzen handelt.

Tiroler Corona-Hotelier

Ines und Elias Vater hingegen, ein Tiroler Hotelier, zieht seine traditionelle „Vier Tage, drei Nächte“-Saisonauftakt-Sause durch, verursacht dabei einen Corona-Hotspot und schleppt später von einer Südafrika-Jagd mit Hoteliers-Kollegen eine neue Virus-Variante ein. Ein Seitenhieb an sein Heimatland, das während der Corona-Krise international für wenig ruhmreiche Schlagzeilen sorgte. Gstrein spielt mit den Lesenden und steuert seinen Roman zuerst in Richtung Inzest. Die Episoden des gemeinsamen Aufwachsens sind daher voller erotischer Spannung. Doch unmerklich wandelt sich die Geschichte und geht in eine ganz andere Richtung. Dabei spürt man förmlich die diebische Freude des Autors, Erwartungen zu wecken, die er keinesfalls einzulösen gedenkt. Denn es wird letztlich eine ganz andere Geschichte daraus.

Merkwürdiges Buch

So kommt am Ende auch noch Homophobie und Diskriminierung ins Spiel, und alles zusammen macht aus dem irgendwie selbstzerstörerischen Werk einen recht merkwürdigen Roman, der, politisch hochbrisant, die Abgründe egomanischer Sehnsucht beschreibt und die Angst, an der Ich-Identität zu scheitern. Obwohl Ines das Geschehen dann noch einmal auf anderer Ebene spiegelt, indem sie nach Sizilien reist, um dort an ihrem Roman mit dem Titel „Drei Arten, ein Rassist zu sein“ zu arbeiten, bleibt eine plausible Handlung aus. Vielmehr fordert der Roman die LeserInnen stellenweise ganz schön heraus und fordert entweder Durchhaltungsvermögen ein oder die Entscheidung, das Buch in einem Bücherschrank auf Reisen zu schicken. Denn bestimmt findet „Vier Tage, drei Nächte“ bei einem Gstrein-Liebhaber zwischen „Als ich jung war“ (Roman, 2019) und „Der zweite Jakob“ (Roman, 2021) einen verständnisvolleren Platz auf dem Nachtischchen oder im Bücherregal. CRO