Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Die Bilder vom wirklichen Reichtum

Kultur / 16.09.2022 • 18:17 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Martin Walser, der große Dichter, der am anderen Ende des Sees, in Nußdorf bei Überlingen, wohnt, war immer schon ein Freund unseres Landes und nicht zuletzt der Vorarlberger Künstler. Eine besondere Freundschaft verband ihn mit Hubert Berchtold, einem der wichtigen Maler der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Heuer wäre Hubert Berchtold hundert Jahre alt geworden, gestorben ist er schon 1983, mit 61 Jahren. Ein Jahr früher wurde er mit dem Konstanzer Kunstpreis ausgezeichnet. Martin Walser hielt unter dem Titel „Die Bilder vom wirklichen Reichtum“ die außergewöhnliche Laudatio. Und nachdem man Hubert Berchtold anlässlich seines Geburtsjubiläums gedenken sollte, gibt es keine bessere Möglichkeit, als einige der Gedanken von Martin Walser in Erinnerung zu rufen.

Er hätte „sein Bregenz als ein im Winterweiß verewigtes Insekt hinmalen können“, meint Walser zu Berchtolds Insektenserie der sechziger Jahre und seine Beziehung zu Bregenz. Zehn Jahre später „sind seine Bilder in eine wilde Bewegung geraten, die seitdem nicht mehr aufgehört hat. Sie wurden durch diesen Bewegungssturm hell, blank, selbstbewußt, oft geradezu frech und triumphal. Wie er das gemacht hat von 1962 bis 1970, das wäre der echte Künstlerroman.“ Später werde man, so Walser, Zeuge eines dramatischen Malens: „Der Pinsel will mit dem Maler durchgehen, aber immer wieder bricht die Hand, bricht die Wucht einfach aus, sie mault nach, könnte man sagen, sie macht Gränna, wird frech, der Maler kommandiert: etz duosch, was ma d’r set, also folgt sie“, verfällt der Dichter in schwäbischen Dialekt. Dann die Zeit in Spanien, das Städtchen Ronda, in dem Hubert Berchtold die halbe Zeit des Jahres lebt: „Ronda, in einem weiß lohendem Raum ein immer röter werdendes Farbmassiv, das sich, je steiler es abfällt, umso mehr verfinstert, und das auf sich noch ein paar haushafte Farbkonzentrationen erträgt.“

Dann, zum Schluss, ein Vergleich zu einer Geschichte von Edgar Allen Poe: „Drei Fischer geraten mit ihrem Schiff in den Mahlstrom; das ist ein Wasserwirbel, der sich so rasant dreht, dass ein Trichter von ein paar hundert Metern Durchmesser entsteht. Einer wird über Bord gerissen, die anderen halten sich noch am Boot fest, das Schiff wird in den Abgrund gezogen. Der eine hält sich weiter fest, wird in den Strudel gerissen. Der andere springt ab und kommt bei sich abflachendem Trichter wieder an die Meeresoberfläche.“ Walser zum Ende: „Der, der abspringt, das ist, wenn sie gestatten, Hubert Berchtold. Er wird also gerettet werden. Gott sei Dank. Und das nicht durch Zufall, sondern durch Vertrauen zum Risiko, also durch Kunst.“

„Heuer wäre Hubert Berchtold hundert Jahre alt geworden, gestorben ist er schon 1983, mit 61 Jahren.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.